Schriftsteller Ulrich Peltzer gastiert mit seinem neuen Roman "Das bessere Leben" im ...
Die Ästhetik der Utopie

Sulzbach-Rosenberg.Wer etwas erzählen will, braucht nicht nur Inhalt - vor allem braucht er auch eine Idee davon, wie er seiner Leserschaft den Stoff nahebringen will. Dazu bedarf es zunächst einer eröffnenden Idee. Ulrich Peltzer, Autor des auf der Short List für den Deutschen Buchpreis gerankten Romans "Das bessere Leben", hat gerade seine Variante vorgetragen, die er gewählt hat als Opener für seinen 440-Seiten Roman - und nun schildert er im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg, zwischen zwei Leseblöcken im Gespräch mit Thomas Geiger vom "Literarischen Colloquium Berlin", die dahinterstehende Künstlerqual.

Dass er längst die Figur des Sylvester Lee Fleming im Kopf hatte und diesen rätselhaften Mittfünfziger unbedingt von dessen Erfahrung erzählen lassen wollte, die dieser als Augenzeuge des Polizistenmordes an vier Demonstranten an der Kent-State-University am 4. Mai 1970 gesammelt hatte. Gleichzeitig soll er sich aber nun in der Romangegenwart des Jahres 2006 (im Vorfeld der "Finanzkrise" also) in Sao Paolo befinden - weshalb Peltzer, um die Zeitebenen zu verschränken (er selbst spricht von "Co-Präsenz") - auf den Traum-Trick verfiel: Und seinen Protagonisten deshalb in ein Hotelzimmer der brasilianischen Mega-City verfrachtet und dort diese Kern-Szene aus der Zeit des Vietnamkriegs (die Neil Young übrigens zu dem emblematischen Song "Ohio" inspirierte) in einer für Tiefschlaf viel zu heißen Nacht in dessen Kopfkino abspielen lässt. Das klingt kompliziert - und ist es auch. Und verlangt, wie es ein Kritiker formuliert hat, dem Leser nicht nur ein sportlich-hohes Maß an Konzentrationskraft ab, sondern nötigt ihn auch immer wieder dazu, zum historischen Lexikon zu greifen.

Wer diesen ersten Kraftakt bestanden hat, wird belohnt und darf eintauchen in einen für deutschsprachigen Verhältnisse selten welthaltigen Roman, der auf dem ganzen Globus zu Hause ist und Fäden spannt vom 19. ins 20. Jahrhundert und dabei an Gedanken und Erlebnisse jener Bewegungen anknüpft, die einst von einem utopischen Ansatz herkommend der Welt ein menschlicheres Antlitz verpassen wollten.

Peltzer erzählt davon, wie in Zeiten des global entfesselten Kapitalismus die Hoffnungen dahinschmolzen, wie sich politische Utopien auflösten und ersetzt wurden durch Projekte, die sich lediglich dem Pragmatismus verschrieben. Seine drei Protagonisten, neben dem eingangs erwähnten Dealer Fleming der Sales-Manager Jochen Brockmann und Angelika Volkhart, Bevollmächtigte einer Reedereifiliale, sind alle biographisch rückgebunden an den Glauben an eine bessere Welt - alle drei aber haben den Utopien abgeschworen und konzentrieren ihre Hoffnungen im Hier und Jetzt der mittleren Nullerjahre auf "Spekulationen". Klingt ein wenig hoffnungslos? Ja, stimmt. Der Blick in den Spiegel unserer Gegenwart erzählt uns ja den Rest.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.