Schuld und Bühne

Dem Publikum passt hörbar nicht, wenn mildernde Umstände für Steffi D. angeführt werden. "Ihr Handeln war getrieben von existenziellen Ängsten", sagt Oberstaatsanwalt Rainer Lehner. Für ihn ist "überhaupt nicht verständlich, dass sich niemand dieser sehr jungen Angeklagten angenommen hat".

Weiden/Neustadt/WN. (ca) Gerade in ihrem persönlichen Umfeld habe sich doch aufdrängen müssen, dass die ledige Mutter erneut schwanger war. Lehner: "Diese Tat konnte nur reifen und ist nur erklärlich aus einem autoritären Familien-Biotop heraus, das von Kommunikations- und Empathielosigkeit geprägt war."

"Lächerlich"

Das ist nicht das, was der überwiegende Teil der über 100 Zuhörer im Schwurgerichtssaal hören will. Sechs Jahre, wie der Staatsanwalt fordert, oder gar vier Jahre, wie der Verteidiger - "lächerlich" findet das die Dame in der ersten Reihe. Da trifft es sich gut, dass Lehner sein Plädoyer mit einem bemerkenswerten Satz beginnt: "Ein Strafverfahren, das eine derartige Grenzüberschreitung zur Sache hat, erlebt selbstverständlich große Aufmerksamkeit, macht betroffen und weckt Emotionen." Aber Aufgabe des Gerichts sei es nicht, "ein moralisches Wert- oder Unwerturteil zu fällen".

Das Gericht müsse vielmehr nach Maßgabe des Gesetzes Feststellungen zur Tat und den strafrechtlichen Kriterien zur Schuld treffen. Von der Treibjagd in- und außerhalb des Gerichtssaals lässt sich die Strafkammer am Ende nicht beeindrucken. Sechs Jahre wegen Totschlags in einem minder schweren Fall bedeuten ein maßvolles Urteil. Mit ihrer Schuld müsse die 21-Jährige ohnehin alleine leben. "Man kann der Wahrheit nicht entgehen. In sich selber nicht", gibt ihr Landgerichtspräsident Walter Leupold mit auf den Weg in die JVA.

Ein halbes Jahr sitzt Steffi D. bereits in Untersuchungshaft. Nach zwei Dritteln der Gesamtstrafe kann das Gericht die Reststrafe zudem zur Bewährung aussetzen. Damit könnte sie in dreieinhalb Jahren wieder in Freiheit sein. Auch das werden manche Zuschauer nicht gerne hören - und es waren bis zuletzt ungewöhnlich viele. In den letzten Jahren gab es keinen Prozess, bei dem das Publikumsinteresse derart konstant groß war. Eine große Bühne, die der Angeklagten sichtlich unangenehm war. An jedem der fünf Verhandlungstage war der Schwurgerichtssaal voll besetzt, auch am Montag stehen Zuhörer. Ab und zu wies Vorsitzender Leupold auf freie Sitzplätze hin. Er hatte den besten Überblick.

In den letzten zwei Wochen hat das Gericht 37 Zeugen befragt: neun Verwandte und Freunde, vier Kollegen und Kunden aus dem Supermarkt, zwölf Polizeibeamte, fünf Beschäftigte des Klinikums Weiden, eine Notärztin, eine Gynäkologin, eine Mitarbeiterin des Kreisjugendamtes und vier Gutachter. Letzter Zeuge war Psychiater Prof. Dr. Michael Osterheider, der eine dissoziative Störung für möglich hielt. Das reichte dem Gericht nicht zur verminderten Schuldfähigkeit: Steffi D. habe "cool" gehandelt, als sie den zweiten Müllbeutel holte und im Krankenhaus SMS übers Frühlingsfest absetzte.

Erster Vater auch in Haft

Für die Strafkammer geht die Arbeit am Dienstag nahtlos weiter. Vor Gericht steht ein junger Mann, der am Rande auch im Verfahren gegen Steffi D. eine Rolle spielte: Er ist der Vater ihrer ersten beiden Kinder und befindet sich derzeit ebenfalls in U-Haft. Ihm wird Missbrauch widerstandsunfähiger Personen vorgeworfen. Er soll seine Ex-Freundin im Schlaf "übermannt" haben. (Seite 3)
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