Sechs Wochen vor der Entlassung abgetaucht - Zwei Jahre Haft mit Bewährung
Fahnenflucht "totaler Schwachsinn"

Amberg/Oberviechtach. (hwo) Es gibt Straftaten, die äußerst selten vor Gerichten verhandelt werden. Dazu zählt die Fahnenflucht. In Amberg saß jetzt ein 37-Jähriger Ex-Berufssoldat auf der Anklagebank. Im Rang eines Unteroffiziers in der Oberviechtacher Grenzlandkaserne dienend, hatte er sechs Wochen vor seiner Entlassung die Truppe verlassen und war längere Zeit abgetaucht.

Der heute bei München lebende Mann wurde in Handschellen vor die Richterin Verena Bösl geführt. Der Grund: Es hatte schon einmal einen Prozesstermin gegeben, zu dem der heute 37-Jährige nicht erschienen war. Daraufhin ließ ihn die Justiz festnehmen und bis zur neu angesetzten Verhandlung hinter Gitter bringen. Dort saß er jetzt ein paar Wochen.

Erst nach vier Monaten

Die Bundeswehrlaufbahn des Angeklagten begann 1998. Er diente zwei Jahre, schied aus und wurde 2006 erneut für sechs Jahre als Berufssoldat verpflichtet. Ende Mai 2011 erschien der Unteroffizier plötzlich nicht mehr zu Dienst. Erst nach vier Monaten kam er wieder. In der Zwischenzeit war ein Verfahren wegen eigenmächtiger Abwesenheit angelaufen. Dazu gab es später eine Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe durch das Schwandorfer Amtsgericht.

Wer trotz seines Vertrags bei der Armee nicht erscheint, hat offenbar nach dem Wiedereintritt einen schweren Stand bei seinen Kameraden. Vor der Richterin Bösl schilderte der 37-Jährige nun, dass man ihn in der Kaserne mied, ihn nichts mehr tun ließ. Er war wegen seiner unerlaubten Abwesenheit degradiert worden, stand nach eigenen Worten tatenlos herum: "Ich konnte jeden Abend nur noch den Boden kehren".

Angesichts dieser von ihm so beschriebenen Lage tat der Unteroffizier einige Wochen nach seiner Rückkehr in die Kaserne etwas, das er jetzt als "totalen Schwachsinn" bezeichnete. Sechs Wochen vor seiner Entlassung aus dem Berufssoldatenvertrag tauchte er erneut ab und blieb ab dann für lange Zeit spurlos verschollen. Erst im August 2012 stellte sich der Deserteur in Stuttgart den Behörden. Zuvor hatte er dort eine Arbeitsstelle als Koch aufgenommen. Später wurde ein gegen ihn zu diesem Zeitpunkt bestehender Haftbefehl unter Auflagen außer Vollzug gesetzt. Danach zog der Mann nach Oberbayern. Was ihn dazu trieb, von der Fahne zu gehen, konnte der 37-Jährige nur ansatzweise erklären. "Eine Freundin in Tschechien, später die Lage in der Kaserne, wo man mich nach der ersten Abwesenheit nichts mehr machen ließ." Die Folgen für ihn waren auch ohne gerichtliche Ahndung spürbar: Unehrenhafte Entlassung und kein Anspruch auf den Geldbetrag, der einem nach Erfüllung seiner Dienstpflichten ausscheidenden Zeitsoldaten zusteht.

Zeiten ändern sich

"Früher gab es bei Fahnenflucht keine Bewährung", erinnerte der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch an Zeiten, in denen es deutschlandweit neben Berufssoldaten auch Wehrpflichtige gab. Das habe sich in der juristischen Betrachtungsweise heutzutage geändert. Von daher forderte Diesch unter Einbeziehung der Ahndung wegen eigenmächtiger Abwesenheit eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren zur Bewährung. Dieser Auffassung schloss sich Verteidiger Michael Adams (Altenkirchen) an.

Richterin Verena Bösl verhängte zwei Jahre Haft mit Bewährung. Sie schickte den 37-Jährigen Ex-Soldaten außerdem zu 100 gemeinnützigen Arbeitsstunden und hob den Haftbefehl auf.
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