Seelenmassage für 50 Pfennige

"Eine Musikbox und eine gute Wirtin: Das sind Kernelemente einer erfolgreichen Therapie." Der diese tiefgehende Aussage macht, weiß, wovon er spricht: Dr. Peter Schleicher, bekannter Münchener Immunologe und einst Wirtshausbub im Hüttner Gasthaus Zur Linde.

"Blue Bayou" - die melancholische Stimme von Paola kribbelt in den Beinen, streichelt die Seele, erfüllt den Raum und schlüpft durch die Fenster hinaus ins Freie bis zur Kapelle zu Ehren der heiligen Theresia, die bekanntlich den schönen Dingen des Lebens nicht abgeneigt war. Denn eine Musikbox, eine Rock-Ola Princess Deluxe wie einst im Wirtshaus, steht auch im Haus der Familie Schleicher, Zentrum für heilende Lebensweise, in Köglitz. "Ich hab' sie vor Jahren meiner Frau zum Geburtstag geschenkt", erzählt Peter Schleicher. "Wohl aber nicht ganz uneigennützig", scherzt Ehefrau Irene. Die Künstlerin ist mittlerweile selbst zum Musikbox-Fan geworden.

Von Schlager bis Protest

400 bis 500 Singles, gekauft, geschenkt bekommen oder auf Flohmärkten entdeckt, beinhaltet die Sammlung der Familie. Die Auswahl reicht von den 1950er Jahren bis in die Moderne, inklusive Jazz, fetzigen Rock und Protestsongs. Ganz oben auf der Tastatur steht Freddy Quinn mit "La Paloma", mittendrin das Medium-Terzett, Peggy March, die mit 17 noch Träume hat, Lale Andersen und ihr weltberühmtes "Lili Marleen". Karel Gott, der mit der "Biene Maja" berühmt wurde, fehlt ebenso wenig wie Gitte, Lolita, Roy Black und weitere Stars aus den "12 der Woche" oder dem "Schlagerbarometer".

Wohl kaum einer hat diese Kultsendungen damals verpasst. Wo sonst gab es, bis Tonbandgeräte oder der Schallplattenspieler kamen, die Möglichkeit, seinen Lieblingshit zu hören, außer eben auf der Musikbox. In der heutigen Zeit von PCs, Smartphones und Tablets, die immer und überall jeden Musikwunsch erfüllen, kaum mehr vorstellbar.

Für 50 Pfennige gab es zwei, für eine Mark fünf Titel, die über Kombination aus Buchstaben und Zahlen ausgewählt werden mussten. "So ein Tag, so wunderschön wie heute", drei- oder viermal hintereinander und in voller Lautstärke sei angeklickt worden, wenn der Fußballverein gewonnen hatte. Musste einer für länger das Heimatdorf verlassen, seien "Tom Dooley" oder "Junge, komm' bald wieder" angesagt gewesen. "Unter fremden Sternen" sei erklungen, wenn einen das Fernweh geplagt habe, erinnert sich Peter Schleicher. "Da gab's oft Jubel, manches Mal auch Tränen." Denn Musik bringe die Seele in Schwung und sorge für Emotionen bis hin zur Suggestion, haben Peter und Irene Schleicher immer wieder erfahren.

Besonders gerne hören sie Hits von Heidi Brühl, deren Leben sie bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1991 begleiteten. Viele Stars hat die Familie persönlich gekannt. "Elvis Presley leider nicht", bedauert Dr. Schleicher, obwohl der King of Rock 'n' Roll eine Zeit lang fast nur einen Katzensprung vom Wirtshaus entfernt lebte.

Den ganzen Abend durch

An den Wochenenden lief die Musikbox meist von 18 Uhr am Abend bis um 1 Uhr in der Früh. "Dann zog die Wirtin den Stecker raus", erinnert sich der "Wirtshausbub" von einst und klickt zum Abschluss auf Wunsch von Ehefrau Irene noch deren Favoriten, den ebenso dynamischen, wie legendären "Rock around the Clock" an. Mit diesem Song hat Bill Haley vor genau 60 Jahren den weltweiten Erfolg des Rock 'n' roll losgetreten und die Musikwelt quasi auf den Kopf gestellt: "One, two, three o'clock, four o'clock, rock" - Worte und Musik, die bereits 200 Millionen Mal verkauft wurden und Generationen überdauern werden, egal ob auf der guten alten Musikbox oder auf PC, Tablets und Smartphones.
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