Selbstauflösung geplant

Es existiert kaum eine Familie, die in den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts nicht Opfer zu beklagen hatte. An diesem Wochenende erinnert der Volkstrauertag an die Millionen Soldaten, die nicht mehr nach Hause kamen. Aber auch die Toten in den Konzentrationslagern, an das Sterben durch Flucht und Vertreibung und die bei Terroranschlägen und Kriegen unserer Tage hingemordeten Menschen.

Die Geschichte der Kriegsgräberfürsorge reicht eigentlich zurück bis in den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Am 6. August 1870 fallen bei der Erstürmung der "Spicherer Höhen" im Elsass auf beiden seiten über 1000 Soldaten. In der Nähe des Schlachtfeldes entsteht ein "Ehrental". Deutsche und Franzosen liegen hier nebeneinander. Es entstand der erste europäische Soldatenfriedhof. Im Friedensvertrag von 1871 verpflichten sich beide Regierungen, die "Grabmäler der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten zu respektieren und unterhalten zu lassen". Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und den 9,7 Millionen Gefallenen wird die Aufgabe, für würdige Beisetzung zu sorgen, immer drängender. Deshalb gründet sich im September 1919 der "Deutsche Kriegsgräberschutzbund in Bayern", der sich im Dezember desselben Jahres dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in Berlin anschließt.

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Die Nazis schaffen den Volkstrauertag ab und ersetzen ihn durch einen "Heldengedenktag". Während des Zweiten Weltkrieges plant der Volksbund wegen massiver Behinderungen sogar seine Selbstauflösung, doch nach 1945 ist seine Arbeit wichtiger als je zuvor. Verstreut über Europa und Nordafrika liegen eilig angelegte Feldgräber, tausende Anfragen von Hinterbliebenen nach Soldaten-Schicksalen können bereits beantwortet werden.Heute ist die Suche digitalisiert. Unter www. graebersuche-online.de sind 4,6 Millionen Daten abrufbar. Und es kommen täglich neue hinzu, gerade in den Gebieten der damaligen Ostfront

Ab 1989 mit dem Ende des Kalten Krieges läuft auch die Arbeit in den Ostblockstaaten an. 20 Mitarbeiter sind ab den 90er Jahren dort im Umbettungsdienst im Einsatz. Aus weit verstreuten Grablagen werden Gebeine auf zentral gelegenen Sammelfriedhöfen bestattet. Manche Grablege ist zu lokalisieren, aber inzwischen überbaut, zugeteert. Andere wieder liegen an Straßenrändern, in Vorgärten. Der Volksbund hat allerdings erfahren dürfen, dass gerade die Bevölkerung, die ja selbst größte Opfer bringen musste, sehr aufgeschlossen reagiert, wenn die Umbetter anrücken.

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Suche mit Erdsonden

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Präzision und Erfahrung sind bei dieser Tätigkeit alles: Das aus der Region rekrutierte und geschulte Personal sticht unter Anleitung erfahrener Helfer mit Sonden in die Erde. Mit wenigen Stichen lässt sich selbst nach 70 Jahren feststellen, wo die Erde schon einmal bewegt wurde und wo demnach eine Grablage sein müsste. Die Unterlagen stammen zum überwiegenden Teil aus Archiven der Wehrmacht, die augenscheinlich bis in die letzten Kriegsmonate genau Buch geführt hat über Bestattungen.

Dann folgen die ersten Spatenstiche. Vorsichtig hebt der Helfer den Mutterboden ab, fördert dann Überreste zutage: Stiefel, verrottete Uniformstücke, Koppelschlösser, schließlich Gebeine und dann den entscheidenden Hinweis zur Identifizierung, die Erkennungsmarke.

Erst im August 2013 errichtete der Volksbund in Duchowschtschina bei Smolensk den weltweit größten deutschen Soldatenfriedhof. Bis 2020 sollen Ausbauarbeiten und Exhumierungen in Osteuropa abgeschlossen sein. Allein in Russland hat der Volksbund im letzten Jahr 23 3000 deutsche Gefallene umgebettet, in Weißrussland waren es über 4800, in der Ukraine knapp über 3000. Die Bilanz der Exhumierungen 2013 liest sich erschreckend, aber auch beruhigend: Exakt 37 005 Leichname fanden eine würdige letzte Ruhestätte. Hinterbliebene können selbst auf dem größten Friedhof anhand der exakt vermessenen Grablegen genau ermitteln, wo Großvater, Vater oder Onkel liegen.

Insgesamt betreut der Volksbund 832 Friedhöfe in 45 Staaten mit 2,5 Millionen Toten. Die Pflege der 765 Hektar finanzieren Spender, Freiwillige wie Reservisten der Bundeswehr helfen bei solchen Einsätzen tatkräftig mit. Rasen mähen, Laub sammeln, Grabstelen säubern oder durch neue ersetzen, Mauerwerk reparieren - es fallen jede Menge Arbeiten an, die vom einheimischen Pflegedienst nicht zu bewältigen sind.

Der Volksbund bietet auch Hinterbliebenen Reisen zu Soldatenfriedhöfen an. Diese Touren (nähere Informationen siehe Info-Kasten) sind vorbildlich organisiert, preisgünstig und enthalten auch ein historisches und kulturelles Rahmenprogramm, das zugeschnitten ist auf das jeweilige Land.

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Angebote für Schulen

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Aber der Volksbund sorgt sich nicht nur um die Toten. Die Kriegs-Erlebnisgeneration stirbt weg, deren Söhne und Töchter sind in die Jahre gekommen, die Schicksale der Generation zuvor verblassen, auch das Gedenken an die millionenfachen Opfer der zwei Weltkriege. Deshalb hat der Landesverband Bayern für die Schulen unter dem Titel "Geschichte erleben" Lehrmaterialien erarbeitet, die unter dem Obertitel "Erziehung zum Frieden" stehen.

Jugendlager und Projekttage für alle Jahrgangsstufen, vorbereitet durch pädagogische Handreichungen, sollen Pädagogen aller Schultypen zur Mitarbeit gewinnen. So finden sich im aktuellen Heft auch Kriegsgräberstätten in Regensburg, Neumarkt und Bayreuth. Am Beispiel Regensburg sei kurz dargestellt, unter welchen Themen solch eine Lehrstunde stehen könnte: Kriegsgeschehen in der Donaustadt, Kriegsgräberstätte und die Schicksale der dort Begrabenen, Augenzeugen und ihre Erinnerungen. Arbeitsaufträge mit ausformulierten Fragen liegen bei. Damit schließt sich hoffnungsvoll ein Kreis, der vor 100 Jahren begann und 1945 unsäglich endete.
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