Sensibel berührend

Sympathische, junge Männergesichter blicken den Besucher der Ausstellung an, darüber kann auch die Uniform nicht hinwegtäuschen. So jung sie auf den Fotos aussehen, so jung sind sie auch gestorben - auf den Schlachtfeldern Europas.

Ein Mann und eine Frau auf einem Sterbebild - nicht übertrieben pompös, nicht sonderlich prunkvoll, größer allerdings als die vielen anderen. Der Tod des Paares ist auch der Auslöser für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts als die der US-amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan den Ersten Weltkrieg bezeichnet hat. Die beiden Personen sind der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, erschossen am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Diesen Schüssen, abgegeben von einem serbischen Nationalisten, folgen noch unzählige, dem zweifachen Tod millionenfache und dem Sterbebild innerhalb von vier Jahren ebenfalls unzählige.

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Das unauffällige Papier aus der Sammlung der Regensburgerin Marianne Hildebrand ist das Herzstück der Ausstellung "Kriegs-Sterbe-Bilder" im Schwandorfer Stadtmuseum um das viele weitere kreisen. Die Schau nähert sich dem zum 100. Jahrestag viel beschriebenen, dokumentierten und beleuchteten Thema aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel - behutsam, sensibel, vordergründig unspektakulär, hintergründig aber umso eindringlicher und berührender. Sie gibt Gefallenen Namen und Gesichter. Es sind oft "Milchgesichter", die ernst und entschlossen unter den Pickelhauben hervor blicken, nicht wissend, was auf sie zukommen wird. Jünglinge eben, auf den Sterbebildern treffend beschrieben. Der Zinngießer- und Glasermeister Johann Schuierer, gefallen 1916 in Frankreich, ist mit seinen "31 und einhalb" Jahren vergleichsweise alt. Er hinterlässt Frau und zwei kleine Kinder. Die Witwe führt den Betrieb weiter.

Museumsleiterin Eva-Maria Keil und Schwandorfs Stadtarchivar Josef Fischer haben ausgehend von einem Familienfoto das Schicksal der Schuierers mit Hilfe von Urkunden, Kriegsstammrollen und Beiakten zu rekonstruieren versucht. Beiakten sind Dokumente, etwa aus Frankreich, in denen für einen Georg Schuierer festgehalten ist, dass er am 8. September 1918 um "nachmittags 2.05 Uhr" von einem Gewehrschuss in die Brust getroffen wurde. Eine Bergung war nicht möglich, heißt es weiter. Georg ist nach den Recherchen Keils und Fischers ein Bruder Johann Schuierers genauso wie der vermisste Anton. Jakob, der vierte und jüngste der Brüder, ist der einzige Heimkehrer. Fliegerschütze Josef Wenzl ist noch keine 21, als das Flugzeug bei einem Luftkampf in Nordfrankreich abgeschossen wird.

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Weihnachten 1914

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Sein Sterbebild ist erhalten und dazu ein Brief an seine Eltern, datiert auf den 28. Dezember 1914. Darin beschreibt er, wie englische und deutsche Soldaten mit dem Morden innehalten und die "verhaßtesten und erbittertsten Gegner" aus den Schützengräben kriechen, sich um einen Christbaum stellen und gemeinsam Weihnachtslieder singen. "Weihnachten 1914 wird mir unvergeßlich sein." Knapp zweieinhalb Jahre später ist er tot.

Die kleinen papierenen Druckerzeugnisse können nur schemenhaft über das Grauen des Krieges Auskunft geben. Zwischen den gedruckten Zeilen finden sich aber Hinweise auf Schmerz und Trauer um Ehemänner, Väter und Söhne. Lazarettgegenstände und Verbandmaterial lassen in Ergänzung zu den Sterbebildern erahnen, was es heißt, verwundet zu werden. Da treten die Bilder von schmucken Soldaten, die stolz sind für ihr Vaterland zu kämpfen, womit die Ausstellung ihren Anfang macht, schnell in den Hintergrund. Nachdenklichkeit ist der Eindruck, der haften bleibt und dazu bedarf es keiner martialischen Aufnahmen. Sterbebilder reichen.

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Fernsehtipp: Ein Team des Bayerischen Fernsehens hat am Dienstagnachmittag für die Abendschau-Der Süden gedreht. Zu Wort kommen Eva-Maria Keil, Josef Fischer, Studiendirektor a. D. Erich Zweck und Marga Schuierer-Boxler, Enkelin des gefallenen Soldaten Johann Schuierer. Der Beitrag ist für Freitag, 31. Oktober, 17.30 Uhr, geplant.
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