Serie: Hier bin ich zu Hause
N 49° 21' 3.42" E 12° 0' 44.7"

Nichts und niemand kommt dem Zeitgeist aus. Auch bäuerlich geprägte Volksfrömmigkeit hat gegen moderne Agrartechnik einen mehr als schweren Stand. Bild: Hartl
 
Schnörkellos, schlicht und einfach da. An der Kreisstraße AS 24 steht nahe dem Weiler Au das Beer-Kreuz. Warum? Die Antwort ist ganz einfach, aber in Vergessenheit geraten. (Bild: Hartl)

Auch Volksfrömmigkeit und landschaftliche Idyllen sind nicht vor dem Lauf der Zeit gefeit. Man nehme ein GPS, gebe die geografischen Koordinaten des Titels ein und mache sich auf die Suche nach diesem Ort. Dort angekommen, beschleicht einen Nachdenklichkeit.

Au - so heißen die paar wenigen Häuser und Bauernhöfe. Im Vollerwerb werden noch zwei betrieben. Von einem Weiler zu sprechen, da tritt keiner den 26 Bewohnern der durchweg gepflegten Anwesen zu nahe. Au ist einer der weit verstreuten elf Ortsteile von Ebermannsdorf. Durch die Häuser zwängt sich die Kreisstraße AS 24. Es gibt sogar eine Kreuzung samt Bushäuschen ganz ohne Graffiti, Schmierereien oder achtlos hinterlassenem Müll. Dort zweigt die Ortsverbindungsstraße nach Diebis - 65 Einwohner - ab. Welch eine Idylle, welch heile Welt.

Wie Zinnsoldaten

Die so kryptisch anmutende Titelzeile dieser Geschichte stellt die technisch-verkürzte Schreibweise von Geodaten nach dem Global Positioning System (GPS; deutsch Globales Positionsbestimmungssystem) dar. Gesprochen wird die Ziffern-, Zeichen- und Buchstaben-Folge als "49 Grad 21 Minuten 3 Komma 42 Sekunden Nord, 12 Grad 0 Minuten 44 Komma 7 Sekunden Ost". Wer diesen Punkt auf der Erdoberfläche einnimmt, sitzt auf dem Bankerl neben dem Beer-Kreuz, das wie Zinnsoldaten zwei "Reisinger-Kirschen" - so steht es auf einer Tafel - flankieren.

Das ist keine besondere Sorte oder Züchtung. Die beiden schlanken, noch nicht allzu großen und in diesen Tagen nur wenig schattenspendenden Bäume (Gefülltblühende Vogel-Kirschen oder Prunus avium ,Plena') heißen so, weil sie Landrat Richard Reisinger spendiert hat. Viele Leute wissen, dass der Landrat ein frommer Mann ist. Ab und zu, so erzählt man sich, findet er sogar noch die Zeit, in seiner Heimatpfarrei Mesnerdienste zu verrichten. Die zwei "Reisinger-Kirschen" bewachen also nicht rein zufällig das Beer-Kreuz, das bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht. So etwas kann Michael Götz aus dem benachbarten Pittersberg, 364 Einwohner, erzählen. Ihm liegt ländlich-bäuerliche Volksfrömmigkeit nicht nur am Herzen, er - das kann man ruhig so sagen - kämpft um ihren Erhalt.

Das war auch mit dem Beer-Kreuz so, das an dieser Stelle ursprünglich einmal an einem uralten Birnbaum hing. Gestiftet und gepflegt von der in Au alteingesessenen Bauernfamilie Beer. Einen besonderen Grund, etwa einen Unfall an diesem Ort, habe es dafür wohl nicht gegeben, fand Götz heraus. Es war halt ein schlichtes Feldkreuz am Wegesrand, nur wenige Schritte entfernt von dem einst stattlichen und inzwischen nicht mehr und zuletzt von Josef und Berta Beer bewirtschafteten Hof.

Anordnung vom Amt

So kommt wieder der Landrat ins Spiel, weil sein Amt einst einforderte, dass der alte Birnbaum abgesägt werden muss. Er stelle eine Gefahr für den auf der Kreisstraße AS 24 passierenden Verkehr dar, begründete die Behörde ihre Entscheidung. Damit sah sich Götz auf den Plan gerufen. Als er noch Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von St. Nikolaus Pittersberg war, hatte sich als Untergremium der Arbeitskreis Schöpfung und Umwelt gebildet. Er kümmerte sich unter anderem um den Erhalt alter, teils vergessener Feldkreuze und Marterl. Daraus ist die Gemeinschaft für Schöpfung, Umwelt und Kultur geworden, die sich nun selbstständig diese Aufgabe gestellt hat und fortführt. 2011 war das Beer-Kreuz dran. Es ist schlicht gestaltet, hängt nicht mehr an einem Birnbaum, sondern steht auf einem Granitsockel. Nichts deutet darauf hin, dass es ein Votivkreuz darstellt. Lediglich die früher übliche christlich-katholische Grußformel "Gelobt sei Jesus Christus" ist unterhalb des Gekreuzigten-Korpus' zu lesen. Auch das stützt die Einschätzung, dass es sich um ein schlichtes Wegkreuz handelt.

Und dessen Sinn? "Dass man seinen Hut davor zieht." So einfach ist das, wenn man der Argumentation von Michael Götz und der Handvoll seiner Mitstreiter folgt. Stimmt. Früher zogen Männer als Respektbekundung den Hut vor Leuten die sie grüßten und als Autoritäten anerkannten. Das galt auch für Wegkreuze. Diese Geste ist es, an der sich schlichte Volksfrömmigkeit durchaus festmachen lässt. Sie noch anzutreffen, hat mehr als Seltenheitswert. Den Hut ziehen Menschen heute nur noch als antiquierte Redewendung vor etwas oder jemandem. Getan wird es schon lange nicht mehr.

391 Fahrzeuge, so besagt es die letzte amtliche Verkehrszählung des Landratsamtes von 2010, passieren täglich das Beer-Kreuz. Für eine Kreisstraße ist das verschwindend wenig. Kein Wunder. Der nächste Ort Dauching gehört schon zum Nachbarlandkreis Schwandorf und ist sogar ein Ortsteil der Großen Kreisstadt Schwandorf. Stünde das nicht auf dem Ortsschild, keiner würde das jemals glauben. Dort sind 33 Einwohner gemeldet und die Straße ist keine fünf Meter breit.

Hinter dem Berg

Wegen der seit einigen Wochen anhaltenden, einseitigen Sperrung der sanierungsbedürftigen Bundesstraße 85 bei Pittersberg - die liegt vom Beer-Kreuz aus gesehen rund zwei Kilometer Luftlinie östlich hinter einer bewaldeten Anhöhe nach der Senke des Auerbachs - ist verkehrstechnisch derzeit in Au die Hölle los. Es kann stressig werden im Schatten des Wegkreuzes. Voluminöse landwirtschaftliche Züge und Autos kommen sich gewaltig ins Gehege. Zum Glück macht der Schulbus jetzt Sommerferien. Ab und zu gibt es kaum ein Durchkommen mehr, allzu schmal ist die Straße. Zügig vorbeiziehen, statt Hut ziehen, heißt das.
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