Smartphone statt Schalter

Sparkassen-Präsident Dr. Ulrich Netzer (Sechster von links) zeichnete gemeinsam mit Joachim Neuß (rechts) Verwaltungsrats-Mitglieder aus, die sich um die Vereinigten Sparkassen verdient gemacht haben. Für die Frauen gab es Blumen. Bild: ms

"Ein ganzer Verwaltungsrat geht ins Kloster", frotzelte Vorsitzender Joachim Neuß von den Vereinigten Sparkassen Eschenbach-Neustadt-Vohenstrauß am Dienstagabend in Speinshart. Nicht zum Beten oder Meditieren, sondern um verdienten Männern Dank zu sagen. Der Sparkassen-Präsident war nicht mit leeren Händen aus München gekommen.

Speinshart. (ms) Dr. Ulrich Netzer - seine Frau Heidi stammt aus Pirk - nutzte die Gelegenheit, um auf aktuelle Themen der Finanzwirtschaft und der Sparkassen-Organisation einzugehen. Er sparte auch nicht mit Selbstkritik. Bei den seit einem Jahr laufenden Bemühungen zur Weiterentwicklung des Haftungsverbundes, der Institutssicherung der Sparkasse, knirsche es im Getriebe. "Ob wir in Deutschland eine einheitliche Sparkassenorganisation bleiben, entscheiden die westfälisch-lippischen Sparkassen pikanterweise am Tag der deutschen Einheit." Netzer wollte sich nicht ausmalen, dass die Westfalen die bundesdeutsche Rahmensatzung nicht akzeptieren. "Das wäre für uns ein ganz schwieriges Thema."

Drei Problembereiche

Die Rahmenbedingungen änderten sich radikal. Der Allgäuer nannte Regulierungswelle, Digitalisierung und Nullzinspolitik. Dies alles drücke auf die Ertragskraft bei dezentral organisierten Strukturen wie der Sparkasse.

Dauerbrenner Finanzmarktregulierung: Allein zehn Prozent des gesamten Verwaltungsaufwandes entfielen auf die Umsetzung von Regulierungsvorschriften. Die Sparkasse müsse sich den Vorgaben der EU-Politik beugen und die Geschäftsprozesse so effizient wie möglich umsetzen. Dabei sollen die Spezialisten rund um die Themen Kreditrisiko und Portfoliosteuerung von S-Rating den Banken helfen.

Sorgenkind Nummer eins ist für den obersten Sparkassenmann in Bayern die anhaltende Niedrigzinssituation. Der Leitzins bilde nicht mehr die realen Marktverhältnisse ab. Die Europäische Zentralbank halte ihn künstlich niedrig, um die EU-Krisenstaaten nicht in noch größere Zahlungsschwierigkeiten zu bringen. Mehr Angst als Griechenland macht den Ex-OB von Kempten Frankreich, das sich "in die verkehrte Richtung entwickelt". Die Zins-Nulldiät schade den Sparern, bringe die Altersvorsorge durcheinander, bevorzuge Kreditnehmer und benachteilige Gläubiger. Sie konterkariere notwendige Reformen in den EU-Krisenländern.

Nicht mehr in die Bank

Letztlich wirke sich der Niedrigzins negativ auf das stabile Geschäftsmodell der Sparkassen und Genossenschaftsbanken aus. Die Betriebsergebnisse sinken, weil der Zinsüberschuss aus dem Einlagen-und Kreditgeschäft erheblich abschmelzen werde.

Eine andere Herausforderung sieht Netzer in der fortschreitenden Digitalisierung. Das Verhalten der Kunden habe sich stark geändert, weil die Online-Nutzung quer durch alle Altersgruppen stark zunehme. "Unser Durchschnittskunde kommt nur noch einmal im Jahr in seine Geschäftstelle. 200 Mal im Jahr kontaktiert er aber seine Sparkasse per Smartphone." Acht Millionen Kunden hätten eine App. "Die emotionale Nähe zu unseren Kunden müssen wir auch in die neuen Kanäle bringen", forderte der Präsident.
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