Spannende Retrospektive: Günter Dollhopfs "Werkschau" in Erlangen
"Stückwerk ist unser Erkennen"

Günter Dollhopf vor einem Teil seines Triptychons "Ex voto" (180 x 180 x 30 Zentimeter): In feuchtem Zustand wird das Papier plastisch bearbeitet, geknetet, gefaltet, beschlagen und ausgebeult - von beiden Seiten. "Malplastiken" hat eine Bekannte des Künstlers diese Arbeiten 2004 genannt. Bilder: Kusch
 
Die Ausstellung in Erlangen gewährt auch Einblicke in Skizzenbücher des Künstlers.

"Werkschau" hat Günter Dollhopf seine Ausstellung betitelt, die bis 29. November im Kunstmuseum Erlangen bewundert werden kann. Frühe Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen und Kompositionsstudien sind ebenso zu sehen wie große, in Bildkästen montierte Triptychen und natürlich seine Torsi, die den Katastrophen des Seins ein Antlitz verleihen.

So manch Idylle ist trügerisch. Wimmelnde Wesen räkeln sich am toskanischen Meer der Sonne entgegen. Man scheint das beruhigende Plätschern der Wellen zu hören. Doch auf den zweiten Blick, mit geschärftem Auge, stellt der Betrachter fest: Die fröhlich Badenden sind nur Stückwerk, missgestaltete und verstümmelte Menschen, Gliedmaßen einer undefinierbaren Masse - echte Dollhopf-Figuren eben. Das großformatige Werk "spiaggia bianca - weißer Strand" des Amberger Künstlers nimmt den Urlaubsort an der ligurischen Küste kritisch unter die Lupe. Wer hinter die Karibik-Kulissen blickt, weiß: Abwasser und Industrieabfälle an den Stränden können entsetzliche Auswirkungen haben.

Die vielen Exponate in mehreren Räumen verdeutlichen Dollhopfs Beschäftigung mit wechselnden Bildformen und "Farbkreisen". Viele Objekte sind über größere Zeiträume entstanden und immer wieder verändert worden. "Work in progress" gilt als Motto für den Künstler ebenso wie als Symbol für das Menschsein überhaupt.

Die roten Fäden

Der 78-jährige Maler ist bis ins Alter wandlungsfähig geblieben. Trotzdem gibt es rote Fäden, die sich durch rund 40 Jahre Schaffenszeit hindurch ziehen. Schon früh schimmert die Verletzlichkeit des Körpers auf, Malerisches und Plastisches verschmilzt zu einer Einheit, die ineinander verschlungenen Figuren, und natürlich die mitunter gnadenlose Behandlung des Materials. Handgeschöpftes Büttenpapier wird verleimt und ausgeformt, geknetet und gefaltet, gedrückt und bekratzt. Dadurch, dass Dollhopf es mit Punzenschlägen bearbeitet und auseinandertreibt, bekommt es Risse und Schrunden, verleiht dem Schmerz ein Gesicht und der Qual eine Stimme. "Irak-Krieg, Banken-Problematik und anderer Irrsinn menschlicher Verblödung bringen mich in Wut", verdeutlicht Dollhopf gegenüber der Kulturredaktion. Vieles davon fließt in seine Arbeiten mit ein. Trotzdem sei nicht das Thema das Bestimmende seines Schaffens: "Mich faszinieren in erster Linie das Material und dessen Bearbeitung", fügt er hinzu. Bei den neuesten Werken, den seit 2010 entstandenen "Atemübungen" und "Spiaggia"-Bildern kommt aber eine Art poetische und philosophische Perspektive hinzu. Riesige Körperfragmente schweben in aufgeblasenem Zustand über eine Landschaft. Einerseits wirkt das Luftwesen Furcht erregend und bedrohlich, andererseits sanft und verletzlich. Pastellartige, ockervariierende Farbtöne gehen ineinander über - "blond" nennt sie Dollhopf.

Anders als in seinen starkfarbigen "Bodybildern" der 70er Jahre "spielt der Künstler hier mit dem Raum, seinen feinen Nuancen und seiner Vieldeutigkeit", beschreibt es die Kunsthistorikerin Michaela Grammer in dem Katalog "Günter Dollhopf. Malerei. Objekte 2002-2013", der im Verlag Für Moderne Kunst Nürnberg erschienen ist. Die fast monochrome Farbigkeit, die fehlende Schärfe der Kontur lassen Raumtäuschungen zu und führen das Auge auf Abwege. Und nicht nur das Auge, auch die Phantasie begibt sich auf Reisen.

Der Betrachter denkt an Menschen, die sich gerne "aufpumpen", "aufplustern" und jegliche Bodenhaftung verloren haben. Und doch braucht es den langen Atem, "die Energie des Odems, um den Geschöpfen genug Vitalität für ihre irren Flüge zwischen Erde und Himmel einzuhauchen", fügt Jürgen Sandweg, Leiter des Kunstmuseums Erlangen, im Vorwort hinzu.

Viel nach Natur malen

Die Frage stellt sich, womit sich Günter Dollhopf in den nächsten zehn Jahren beschäftigen wird. Womit wird uns seine Kunst konfrontieren, die nicht nur gut gemacht ist, sondern auch immer ein Credo enthält? Zunächst einmal wird er im Dezember an Freunde und Bekannte Schneeflockenbilder verschicken, als Advents- und Weihnachtsgruß. "Wenn der liebe Gott schon nicht dafür sorgt, dass es schneit," schmunzelt Dollhopf, während er davon erzählt. "Ansonsten will ich viel nach Natur malen", sagt er. Tinte und alte Füller hat er sich bereits besorgt. Und dann geht es hinaus in die Welt, um unterwegs das "reale Leben darzustellen". Für ihn ist das ein "Prozess der Gesundung und des Heilwerdens". Schließlich wusste schon Albrecht Dürer: "Die Kunst liegt in der Natur!"
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