Spaziergang mit Humor

Sie ist einen Finger lang und einfach unwiderstehlich. Der Nürnberger Stadtrichter Hans Stromer, der 1554 wegen Spionage und Veruntreuung in den Turm geworfen wurde, verzehrte während seiner 38-jährigen Kerkerhaft 28 000 Exemplare.

Wer allerdings zuerst auf die bahnbrechende Idee kam, eine Schweineschulter zu zerkleinern, zu salzen und - in einen gesäuberten Darm gestopft - über einem Feuerchen zu rösten, ist heute nicht mehr zu klären. Immerhin: die Ausstellung "9 cm Nürnberg. Eine Kulturgeschichte der Nürnberger Bratwurst", die bis 29. März 2015 im Fembohaus zu sehen ist, bringt etwas Licht ins deftige Dunkel.

Mit zahlreichen Objekten, Bildern und Dokumenten geht es buchstäblich um die fränkische Wurst - und ihre wohl 700-jährige Tradition. Sieben bis neun Zentimeter lang und 20 bis 25 Gramm schwer ist sie heute - Größe, Gewicht und Inhalt der Nürnberger Bratwurst sind streng geschützt. Und: Sie darf nur aus der Pegnitzstadt kommen. Warum und seit wann sie so klein ist und wieso sie im engen Schafsdarm abgedreht wird, kann quellenmäßig nicht belegt werden. "Nicht zuletzt deshalb ranken sich so viele Legenden um die Nürnberger Traditionswurst, die - augenzwinkernd gelesen - erhellende Einblicke in die Stadthistorie geben", betont auch Museums- und Projektleiterin Brigitte Korn.

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Und lädt zu einem historischen Spaziergang mit Humor ein, wie schon die Installation am Eingang der Schau zeigt: eine goldene Bratwurst, hinter Glas geschützt, wird wie auf einem Altar präsentiert und macht Geschmack auf mehr. Die kleinen Würstchen also als Stück gut gewürzter Heimat in einer globalisierten Welt? Ja, auch darum geht es: um die Identität der Stadt und ihrer Bürger mit ihrer Bratwurst, unterstreicht Brigitte Korn. Nicht hinter allen Legenden steckt eine Wahrheit.

Zum Beispiel hinter der Geschichte, die Würste wären deshalb so klein gewesen, um sie Fremden, die nachts um Essen baten, durch das Schlüsselloch zu reichen. Belegt aber ist, dass Reisende in Garküchen an den wichtigsten vier Stadttoren Bratwürste kaufen konnten. Wobei sie im 15. und 16. Jahrhundert noch größer waren als heute . Wahrscheinlich ist auch, dass die Lebensmittelkontrollen in der Reichsstadt so streng waren, dass sich die Metzger für die Variante "klein aber fein" entschieden.

Die "Stadtgeschichte aus der Bratwurst-Perspektive" zeigt, dass die kleinen Würste mit der romantischen Verklärung der Reichsstadt, vor allem durch den im 19. Jahrhundert einsetzenden Tourismus, entdeckt wurden. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wirtshaus "Bratwurstglöcklein" an der Moritzkapelle nördlich von St. Sebald wurde für die damals nicht nur bildungshungrigen Reisenden aus dem In- und Ausland zum Inbegriff der Alt-Nürnberger Bratwurstkultur.

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Berühmtes "Glöcklein"

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Dies belegen die Einträge begeisterter Bratwurstliebhaber, die sich in den Gästebüchern des Wirtshauses verewigt haben. Zahlreiche Postkartenmotive, die das Bild der gemütlichen Gaststube in aller Welt verbreiteten, zeigen, dass das "Glöcklein" damals eines der berühmtesten Lokale Deutschlands und eine so prominente Sehenswürdigkeit wie etwa die Lorenzkirche oder die Kaiserburg war. Mit der Nürnberger Altstadt waren 1945 auch das "Bratwurstglöcklein" und die meisten anderen traditionsreichen Bratwurstlokale der Stadt zerstört worden. Nur wenige Wirtsleute wagten den Neuanfang.

Im heutigen Nürnberg ist, wie in den Garküchen des Mittelalters, der Straßenverkauf üblich, und auch die Bratwurst an der Imbissbude hat eine lange Tradition. Die schnelle Variante "Drei im Weggla" ist allerdings eine Erfindung unserer Tage. Ein Blick zurück in die Geschichte macht deutlich, dass dem reichsstädtischen Rat das Wohlergehen seiner Bürger wichtig war. Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden in Nürnberg strenge Qualitäts- und Herstellungsrichtlinien für die Wurstherstellung erlassen. Die Bratwürste durften nur aus dem Hinterschinken, dem "sweinen lentpraten", und von Schweinemetzgern hergestellt werden. Seit 2003 stehen die Nürnberger Rostbratwürste sogar unter dem Schutz der Europäischen Union, damit Qualität und Tradition dieses Nürnberger Markenzeichens bestehen bleiben.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Fembohaus zeigt die frühe handwerkliche Produktion der Bratwurst, die in den Abbildungen von Schweinemetzgern und Schweinestechern der Zwölfbrüderhausstiftung vom 14. bis 16. Jahrhundert sowie in zahlreichen historischen Metzgergerätschaften überliefert ist. Was damals und heute in die Wurst hineinkommt, wird ebenso anschaulich gezeigt wie die modernen Produktionstechniken, die heute eine weltweite Vermarktung ermöglichen. Früher war die Nürnberger Bratwurst aufgrund ihrer begrenzten Haltbarkeit in der Tat eine rein lokale Spezialität.

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Würste nach Weimar

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Zwar ist überliefert, dass sich Johann Wolfgang von Goethe regelmäßig Nürnberger Bratwürste nach Weimar schicken ließ, vermutlich waren diese jedoch gegart und in Schweineschmalz eingelegt. Generell kann man sagen: Die Bratwurst ist die berühmteste unter den Wurstsorten. Es gibt Brühwürste, Kochwürste und Rohwürste, während Erstere mit knapp 800 Sorten am meisten verbreitet sind.

Dass die Wurst den Menschen auch außerhalb von Franken nicht wurscht ist, zeigt eine etwas unrühmliche Geschichte über Martin Luther. Der große Reformator ließ sich einst in einer Gaststätte bei Erfurt seine Bratwurst schmecken. Dann verließ er die Schenke, jedoch ohne zu bezahlen. Ob es aus Eile oder Versehen geschah, lässt die Überlieferung offen. An der Tür des Wirtshauses wurde daraufhin mit Kreide vermerkt, dass Luther seine Bratwurst schuldig geblieben sei. Daher kommt wohl unsere heutige Redensart "jemandem etwas ankreiden" - wenn es sich dabei nicht "nur" um eine Legende handelt ...
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