Speck als Delikatesse

Auch das Dreschen war damals eine sehr harte Arbeit: Frauen spießten mit Gabeln die Korn-, Weizen- oder Gerstengarben auf die Dreschmaschine, Jugendliche mussten die Binden öffnen und der Austragsbauer ließ die Ähren in die Maschine fallen. Weitere Jugendliche mussten das gepresste Stroh wegtragen.

Die Läden sind voll, es gibt Nahrungsmittel im Überfluss. Das Beste aus der Bäckerei und Metzgerei, aus dem Obst- oder Lebensmittelgeschäft ist dabei gerade gut genug. Ist Erntedank also überhaupt noch aktuell?

"Erntedankfest, kirchlicher Feiertag, allgemein gefeiert am ersten Sonntag im Oktober": Nur einige wenige Zeilen stehen im Lexikon zu diesem Fest, das katholische und evangelische Christen begehen. In den Kirchen gibt es Erntedankaltäre mit Früchten, Gemüse und Getreidesorten, Gott, dem "Geber alles Guten", wird für eine gute Ernte gedankt.

Danken die Landwirte für eine gute Ernte oder die Normalverbraucher für den prall gefüllten Warenkorb, den sie nach Hause tragen? Viele Menschen haben das Danken für eine gute Ernte und das tägliche Brot verlernt. Warum sollte man auch Gott dafür danken? Die einen investieren in Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel, die anderen haben hart gearbeitet, um sich etwas leisten zu können.

Bei mir werden am Erntedankfest Erinnerungen an meine Kindheit wach. Mein Vater wurde 1939 zur Kriegsmarine einberufen, meine Mutter, meine Oma, mein jüngerer Bruder und ich, 1944 sechs Jahre alt, waren allein. Meine Mutter hielt die "Restfamilie" mit ihrem Lebensmittelgeschäft und der Hilfe bei einem Bauern über Wasser - keine leichte Aufgabe in Zeiten von Bezugsscheinen und Lebensmittelmarken, die wichtiger waren als die damalige Reichsmark. Man versuchte eben, so gut es ging, über die Runden zu kommen.

Unser Gemüsegarten war dabei eine große Hilfe, genauso wichtig waren unsere Hühner als Eierlieferanten. Salat aus dem Garten und geschmalzene Erdäpfl waren für uns Buben eine Delikatesse. Meine Mama und die Oma hatten mehr Freude am Malzkaffee, den ein Bekannter aus Gerste brannte.

Am Erntedankfest denke ich wieder an meine Mutter, die auf dem Bauernhof des Nachbarn Schwerstarbeit geleistet hat. Ob Heu-, Getreide-, Kartoffel- oder Rübenernte - immer war sie dabei. Bauernarbeit war während des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren noch sehr schwer: Handarbeit war gefragt. Da die meisten Pferde Ende des Krieges requiriert wurden, mussten Ochsen oder Kühe für die Feldarbeit ran.

Brotzeit verdienen

Weil junge Bauern im Krieg oder später in Gefangenschaft waren, mussten die Frauen mehr leisten. Auch wir, die älteren Kinder, halfen mit, um uns eine Brotzeit zu verdienen.

Wir Buben haben immer auf unsere Mutter gewartet, die ihre Brotzeit mit nach Hause nahm und dann mit uns teilte. Ein Ranken Brot, ein Stück Geräuchertes und Speck, der zwar fett, aber für uns Buben mit dem Bauernbrot eine Delikatesse war. Stolz war ich auf meine erste selbst verdiente D-Mark, die ich damals bekam, weil ich dem Nachbarn beim Dreschen die Strohballen von der Presse weggenommen habe. Am Abend war ich ziemlich fertig, aber zufrieden mit meiner Arbeit. Zufrieden war ich auch, wenn ich mit dem kleinen Bruder auf abgeernteten Getreidefeldern beim "Ähreln" von den Bauern übersehene Halme fand - ein willkommenes Zusatzfutter für unsere Hühner.

Fast Raufereien um Äpfel

War die Kartoffelernte beendet, ging es an das "Erdäpfl-Nachklauben". Es waren die Zeiten, in denen eine kostenlos geerntete Kartoffel auch noch etwas wert war. Das gleiche gilt für die Äpfel an den Straßenbäumen, um die es kurz nach Kriegsende fast zu Raufereien kam. Jetzt bückt sich niemand mehr und hebt einen dieser guten Äpfel auf.

Die jüngere Generation hat noch nie Notzeiten erlebt, musste noch nie auf etwas verzichten. Die Arbeitsplätze sind ziemlich sicher, das Angebot in den Bäckereien und Metzgereien ist riesengroß, ein Auto gehört zum Standard, Urlaub wird in Orten und Ländern gemacht, von denen wir früher gar nicht wussten, dass es sie gibt. Zum Erntedankfest an die Zeit vor 70 Jahren zu denken - wie uns geholfen worden ist, wie wir damals geholfen haben - ist für uns Christen gewiss kein schlechter Vorsatz, oder?
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