Spielbälle der Asylpolitik

Sie hatten sehr großes Zutrauen in die deutsche Politik, das jetzt enttäuscht wird.

Mohamad Almsouti lebt seit einem Jahr in Kemnath. In dieser Zeit hat der Syrer zwei Dinge gelernt: freiwillig Deutsch und gezwungenermaßen warten.

Kemnath. (luk) An seinen ersten Tag in der Oberpfalz kann er sich noch gut erinnern. Mit fünf Landsleuten war der 30-Jährige am 22. Oktober des vergangenen Jahres nach Regensburg gekommen. Und schon nachdem sie den Asylantrag gestellt hatten, begannen die Probleme. Noch in Regensburg sollte Almsouti der Termin für die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in München mitgeteilt werden. Er wurde vertröstet. Den Termin werde er in Kemnath, wohin er vier Tage später kam, nachgereicht bekommen.

Doch nichts geschah. Bis Januar. Da schaltete sich Heidrun Schelzke-Deubzer ein, die sich in Kemnath im Helferkreis für die Flüchtlinge engagiert. Auf Nachfrage in Zirndorf sei ihr mitgeteilt worden, dass der Syrer bei der Ankunft nicht registriert und somit nicht dem Bundesamt gemeldet worden sei, berichtet die dritte Bürgermeisterin. "Daher gab es keinen Termin für das Interview beim Bundesamt", dafür aber einen für eine Registrierung in München: am 30. März. Die Anhörung in Kemnath war schließlich erst in Juni. Seitdem hat Almsouti nichts mehr gehört.

Das Verfahren sei durch die Panne "um Monate verschleppt worden", klagt Schelzke-Deubzer. "Niemand in der Ausländerbehörde hätte etwas gemerkt, wenn wir uns nicht gemeldet hätten." Auch nicht der 30-Jährige, denn die Registrierung am Landratsamt Tirschenreuth vor einem Jahr, um Leistungen für den Grundbedarf (Nahrung, Miete usw.) zu erhalten, hatte geklappt.

Ihn treibt die Sorge um seine Frau um. Er musste die Christin im überwiegend muslimischen Syrien zurücklassen. Um sie aus der Hauptstadt Damaskus irgendwie herauszuholen, schalteten Schelzke-Deubzer und Christine Schubert Reinhold Bartmann ein. Seit zwei Jahren bekleidet der gebürtige Kemnather bei der Bundeswehr in Berlin das Amt des Katholischen Militärgeneralvikars. Dieser nahm Kontakt mit dem Militärattaché im Libanon, der an Syrien grenzt, auf. Zusätzlich sollten regionale Bundestagsabgeordnete und Stadtpfarrer Konrad Amschl mit ins Boot geholt werden, um der Frau - auch ohne Anerkennung von Almsoutis Asylgesuch - die Ausreise zu ermöglichen.

Militarattaché kapituliert

Für sie sollte sich der Syrer bei der Botschaft in Beirut online einen Termin geben lassen. Bis 6 Uhr morgens sei er vor dem PC gesessen, berichtet er: "Keine Chance." Laut Schelzke-Deubzer würden die im Internet veröffentlichten Termine vor Ort von Zwischenhändlern belegt und für bis zu 700 Euro weiterverkauft. Auch vom Militärattaché kamen keine guten Nachrichten. Selbst zur Botschaft zu kommen sei "sinnlos, da tausend Leute sie umlagern". Ebenso zerplatzten die Hoffnungen, die sie in eine Mitteilung der Grünen-Landtagsabgeordneten Christine Kamm setzten. Ihr habe das Bundesamt Eilanträge zugesagt. "Das war vor zirka fünf Monaten. Die Behörde ist vollkommen überlastet", klagte die dritte Bürgermeisterin. Auch Schuberts Idee, die Frau "einzuladen und ihr den Flug zu bezahlen", scheiterte am fehlenden Visum.

Mehr Glück hatten Almsoutis Freunde, die in den nördlichen Bundesländern untergebracht sind. Sie haben ihre Anerkennung als Flüchtlinge bereits nach drei bis vier Monaten erhalten. Auch der Antrag von Mamuon Kasim ist inzwischen bewilligt worden. Der 34-jährige Syrer hat alleine eine Mietswohnung in Kemnath bezogen. Aber seine Frau und die Kinder sind noch in der Heimat. Sie will er so schnell wie möglich nach Deutschland holen, zumal eines seiner Kinder eine Operation benötigt. Wie Almsouti übersetzt, sei deren Haus mit Mörsern beschossen worden, die Familie bei Nachbarn untergekommen.

Auch Ziad Alibrahim musste wie seine beiden Landsleute seine Heimat verlassen. Schubert und Deubzer weisen eventuelle Vorwürfe, der 30-Jährige und all die anderen jungen Männer ließen ihre Familien in Stich, zurück. Eine Flucht sei für Frauen und Kinder zu gefährlich. Vielmehr wollten sie ihre Angehörigen auf einem sicheren Weg nachkommen lassen. "Sie hatten großes Zutrauen in die deutsche Politik. Das wird jetzt enttäuscht." Zwar gehe es den Flüchtlingen in Kemnath, Zwergau und Hahneneggaten materiell sehr gut, das Problem sei, "hier einfach nur sitzen zu müssen", weiß Schubert. "Diese Perspektivenlosigkeit verursacht psychische Probleme."

Sozialer Mensch

Groß ist Schuberts Lob für Almsouti. Er engagiere sich für die anderen Flüchtlinge und arbeite als Übersetzer. Darüber hinaus übernehme er die Nachmittagsbetreuung zweier afghanischer Schüler und erteile den Kindern Deutschunterricht. Auch wenn sie ihn als "sozialen Menschen" einschätzt, möchter er einmal Bank- oder Bürokaufmann werden, eventuell aber auch Kfz-Mechaniker In Saudi-Arabien habe er Erfahrung als Geschäftsstellenleiter zweier namhafter Sportartikelfirmen gesammelt. Mit seiner Frau, die Wirtschaft studiert hat und Englisch sowie Französisch spricht, "möchte ich ein neues Leben beginnen".

Kasim hat sich vorgenommen, Deutsch zu lernen. Seine berufliche Zukunft sieht er ebenfalls als Automechaniker, möglichst mit einem eigenen Geschäft. Dagegen will der gelernte Elektriker Alibrahim, dessen Nichte Natalie am Montag als laut Schuster "erstes Kemnather Baby" zur Welt gekommen ist, auf Informatik umsatteln.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl
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