"Spüren, dass Freundschaft wichtig ist"

Der heute 96-jährige Italiener Vittore Bocchetta kam 2012 persönlich nach Flossenbürg, um dort in der Gedenkstätte seine Ausstellung zu eröffnen. Ab dem Herbst 1944 war er im Flossenbürger Außenlager Hersbruck inhaftiert. Bild: nm

Die Hölle war in Deutschland. Im KZ Flossenbürg, vor fast 70 Jahren. Noch heute hat Vittore Bocchetta diese Hölle vor Augen, die er nur knapp überlebt hat. Aber Deutschland ist heute für ihn keine Hölle mehr.

Flossenbürg/Verona. Jetzt hat er in Deutschland im hohen Alter Freunde gefunden, in Nordrhein-Westfalen. "Das sind die, die bleiben", sagt der 94-Jährige. Eine Begegnung, die nicht nur im Privaten Früchte trägt. Bocchettas "neue" Begegnung mit Deutschland liegt 14 Jahre zurück. Und sie ist einem dieser seltsamen Zufälle zu verdanken, die dann eher schicksalhaft zu nennen sind. Widerstand, Verhaftung, KZ - ein junger Lehrer aus Verona und ein SS-Offizier aus Lippe, kein direktes Zusammentreffen damals, 1944, aber ein Zusammenhang. Einer, der Vittore Bocchettas Leben zwei Mal beeinflussen wird.

"Ich bin ihm nie begegnet", sagt Bocchetta über diesen Offizier, der das "Polizeidurchgangslager" in Bozen leitete. Er sagt es im Wohnzimmer eines Ehepaares in Detmold im Kreis Lippe, am Zielpunkt einer Reise nach Deutschland, die genau betrachtet damals in Bozen begonnen hat. Als er ein politischer Häftling war, "einer von den sogenannten Gefährlichen". Dem Lagerleiter begegnet er nicht. Und doch wird es dieser Mann sein, der zwei Mal eine "Reise" Bocchettas nach Deutschland zu verantworten hat. Nach zehn Tagen in Bozen wird der junge Italiener nach Deutschland deportiert, zur Vernichtung durch Arbeit im KZ Flossenbürg. Wenn er die apokalyptischen Szenen aus dem Lager schildert, aus der Nebenstelle Hersbruck, wo er Zwangsarbeit zu leisten hatte, dann stockt einem beim Zuhören der Atem. Dann versteht man, wenn Bocchetta sagt: "Ich habe nie Deutsch gelernt, mein Geist scheint sich dem zu verweigern." Man erkennt, warum er Angst hatte vor einer Begegnung mit Deutschland, über 50 Jahre lang.

Verlorene Chance

Nach dem Krieg bleibt Bocchetta, dem Tod im KZ knapp entkommen, in Italien, wandert 1949 wegen dem, was er für eine verlorene Chance zur Aufarbeitung des Faschismus hält, nach Südamerika aus. "Ich bin emigriert, um abzuschließen mit der Vergangenheit. Aber in Argentinien lebten damals viele deutsche Nazis."

1958 bleibt er nach einer Reise in die USA in Chicago. Der Geisteswissenschaftler, der bisher seinen Lebensunterhalt als Sprachendozent und Bildhauer verdient hat, muss sich mit dem Malen von Werbeplakaten über Wasser halten. Er wird Spanischlehrer, arbeitet an Universitäten, zuletzt als Professor für Literatur und Sprachen. Stellt seine Skulpturen aus, schafft öffentliche Denkmäler, wird bekannt. Und geht 1989, nach seiner Emeritierung und im Zuge künstlerischer Aktivitäten, zurück nach Verona.

Deutschland ist noch weit weg, aber nicht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Faschismus. Ende der 90er Jahre bittet ihn eine Historikerin, sie nach Flossenbürg zu begleiten. "Ich wollte das nicht", erinnert sich Bocchetta, "aber ich habe mich überzeugen lassen, dass ich eine Pflicht habe, zur Erinnerung beizutragen."

Er hat Angst vor Deutschland, auch noch als sie in Weiden ankommen, um zu übernachten. Beim Gang durch den Ort erlebt Bocchetta etwas Seltsames. "Mir kamen viele Menschen entgegen, die irgendwie verletzt oder behindert waren. Einer hatte den Kopf verbunden, einem anderen fehlte ein Arm. Ich habe mich ihnen gegenüber fast schuldig gefühlt. Ich hatte Mitleid. Da ist alle meine Angst gewichen."

Bald darauf führt ihn eine lokale Diskussion im lippischen Detmold um Schuld und Aufarbeitung wieder nach Deutschland: Es ist der Bozener Lagerleiter, der im Mittelpunkt steht, bei einem Symposium im Staatsarchiv Detmold im November 2001. Als Zeitzeuge eingeladen, schildert Bocchetta seine Lagerhaft in Hersbruck. Man stellt ihm den Sohn des inzwischen verstorbenen früheren SS-Offiziers vor. "Ich war etwas irritiert über dieses Zusammentreffen", sagt der 94-Jährige, "Kinder sind nicht verantwortlich für das Tun ihrer Väter. Dieser Moment hatte für mich keine Bedeutung."

Von Dynamik überrascht

Eine andere Begegnung dafür umso mehr. Bocchetta trifft mit Ingrid Schäfer zusammen. Die heute 73-jährige Historikerin hatte das Symposium "Von Italien nach Auschwitz - Fossoli und Bozen: Stationen der Deportation 1944/45" maßgeblich mit initiiert und organisiert. Es ist der Beginn einer Freundschaft, deren Dynamik alle überrascht. "Es ist die einzige sichere und echte Freundschaft, die ich habe", sagt Bocchetta über Ingrid und Karl-Heinz Schäfer, "und das hat nichts mit Deutschland zu tun."

Mahnung und Warnung

Viel hat sich aus dieser Begegnung entwickelt. Zum Beispiel der Verein "non dimenticare" - "nicht vergessen", der sich als "Freundeskreis Vittore Bocchetta" zum Ziel gesetzt hat, Vergangenheit und Gegenwart mit Hilfe von Zeitzeugen und durch Brückenschlag der Generationen zueinander zu führen. Als Mahnung und Warnung vor Faschismus und Nationalsozialismus, in Deutschland wie in Italien.

Die Aktivitäten des Freundeskreises, gemeinsam mit Vittore Bocchetta, sind vielfältig, und sie sind fruchtbar. Ein großer Teil seines künstlerischen Werks befindet sich im Besitz des Vereins, der diese als Wanderausstellung verleiht. Eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Detmold und Verona ist durch ein Netzwerk von Kontakten entstanden. Detmolds französische Partnerstadt St. Omer - wo eine der früheren deutschen Abschussbasen für die V 2-Raketen als Gedenkstätte hergerichtet ist - hat dort Bocchetta eine Dauerausstellung gewidmet.

Etwas Einzigartiges

Zum Gedenken an die Opfer in der KZ-Außenstelle Hersbruck hat Bocchetta eine Skulptur geschaffen. Seminarreisen nach Italien untersuchen die Spuren, die Faschismus und Nationalsozialismus in beiden Ländern bis heute hinterlassen haben. "Es ist etwas Einzigartiges", betont Bocchetta und meint damit den Beitrag seiner Freunde für die Völkerverständigung: "Wir sind ganz klein, aber wir spüren in uns, dass diese Freundschaft wichtig ist. Um das nicht zu vergessen, was einst zwischen Deutschland und Italien geschehen ist."

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Weitere Informationen im Internet:

http://non-dimenticare.de
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