Start am 4. August

Drei Monate lang, bis 28. Oktober, wird der Oberpfälzer Schriftsteller Harald Grill unterwegs sein, auf seinen "Erkundungen in Rumänien, Bulgarien, im ukrainischen Odessa und auf der Rückreise im europäischen Teil der Türkei und in Nordgriechenland".

Es ist tatsächlich so: Will man als Journalist etwas erfahren von seinem Gegenüber, dann muss man diesen Menschen erst einmal reden lassen. Man muss ihm ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und ihm Freiheit gewähren. Man muss ihn in Fahrt kommen lassen und ihn so wenig wie möglich spüren lassen, dass man ja einer Intention wegen gekommen ist und nur deshalb daneben sitzt. Das ist wie mit einem guten Fotografen, dem eine zentrale Grundkonstante menschlicher Befindlichkeit bewusst ist: dass sich nämlich niemand wirklich gerne fotografieren lässt.

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Und dass deshalb die besten Aufnahmen dann entstehen, wenn der Abgelichtete gar nicht weiß, was gerade passiert. Am besten also ist es, man schaut ganz harmlos, stellt so wenig Fragen wie möglich und sitzt einfach da und hört zu. Irgendwann, da kommen sie nämlich plötzlich ganz von selbst, die zentralen Sätze. Genau das passiert auch, wenn ich mit Harald Grill am Kaffeehaustisch im Orphée in Regensburg sitze, weil ich von ihm was wissen will über seine geplante dreimonatige Radioreise nach Südosteuropa, die er jetzt dann, am 4. August, antritt.

Je weniger mühsam ich Fragen stelle, umso mehr erfahre ich. Zum Beispiel, da liegt der zunächst unruhig übers Papier zitternde Stift längst schon abseits und nur das Aufnahmegerät läuft noch, da sagt Harald Grill dann so einen Satz, der als Motto über seinem ganzen Unternehmen stehen könnte: "Das, was ich suche, das ist die Art und Weise, wie sich die Menschen gegenseitig ernst nehmen in einem Land wie Rumänien etwa, wo 18 Kulturen nebeneinander leben. Ob's da welche gibt, die sich den anderen überlegen fühlen? Oder unterlegen fühlen?"

Oder, da hatten wir uns zunächst verhakt bei der Frage, welcher Harald Grill denn auf Reisen ginge? Der Lyriker? Oder der Reporter? Und weil die Frage natürlich nicht besonders intelligent war, vor allem deshalb, weil sich ja die Profession des einen von der des anderen gar nicht so sehr unterscheidet, denn beide schreiben schließlich auf, was sie beobachtet haben.

Nachdem dieser diskursive Umweg sich also als intellektuelle Einbahnstraße und als argumentative Sackgasse erwiesen hatte, folgt ein weiteres Bekenntnis, das sehr präzise beschreibt, wie sich Harald Grill ins Verhältnis zur Welt setzt und dem, was er da erlebt: "Schreiben ist ja immer so etwas wie ein Überschaubarmachen. Ich hätte überhaupt keinen Überblick über mein Leben und die Welt." Natürlich fallen dabei auch die Namen von Säulenheiligen, Dichterjournalisten wie Joseph Roth oder Karl-Markus Gauß. "Ich hätte kein Weltbild. Ich käme mir vor wie der letzte Depp, wenn ich mir die Welt nicht immer wieder erschreiben würde in einzelnen Szenen."

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Donau als Reiselinie

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Und dann erzählt Harald Grill, welcher Methode er folgt, wenn er reist. Dass er zwar einer groben Reiselinie folge, "das ist die Donau", aber dass er sich immer wieder das Recht herausnähme, diese Route zu ändern, wenn er auf Interessantes stößt. Dann treibt ihn die Neugierde an und er fährt auch mal zehn Kilometer ins nächste Dorf und folgt dem Bauern, den er gerade kennengelernt hat, "und schon weiche ich ab von meinem Konzept."

"Das ist tatsächlich eine sehr anstrengende Art des Reisens", bekennt er, weshalb er dieses Mal auch alleine unterwegs sein wird: "Als ich letztes Jahr in Rumänien und in Bulgarien war, da war die Erika, meine Frau dabei. Aber das ist schon sehr anstrengend mit mir!" Auch sein Auto, ein alter Ford mit über 200 000 Kilometern auf dem Buckel, wird nicht sein steter Begleiter sein: "Ich will auch Strecken ganz einfach zu Fuß gehen!" Überhaupt: Das überraschende Moment! Das Staunen! Das sei es, was er suche. Genau das ist es, was Harald Grill so fasziniert!
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