Stille Partner

In Pressaths ungarischer Partnerstadt bekommen die Menschen vom Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute wenig mit - über Ungarns Regierung wollen sie noch weniger sprechen.

(wüw) Freitagmorgen, Anruf im Rathaus von Hortobágy: Die Sprachbarriere ist kein Problem: Den Namen der Partnerstadt Pressath erwähnen, schon wechselt die nette Dame am Ende der Leitung in hervorragendes Deutsch. Bürgermeisterin Marianna Vince sei den ganzen Tag nicht erreichbar, ob sie helfen könne, möchte sie Frau wissen. Es wirkt, als würde sie dieses Angebot bereuen, als sie den Anrufgrund erfährt. Immer noch freundlich, aber deutlich leiser und zurückhaltender bestätigt sie, dass Flüchtlinge aus dem nahen Osten auch Ungarns Nachrichten beherrschen. In Hortobágy direkt, bekommen die Menschen allerdings nichts mit. "Hortobágy ist ein kleines Dorf, hierher kommen keine Flüchtlinge." Gar nichts mehr - nicht einmal ihren Namen - möchte die nette Verwaltungsmitarbeiterin sagen, als sie auf Viktor Orbán angesprochen wird.

Dass die Menschen in Hortobágy still werden, wenn es um ihren Ministerpräsidenten geht, überrascht Christa Rupprecht nicht. Die Pressatherin pflegt eine Freundschaft mit Mariana Vince. Im August war die noch in Pressath, um mit Christa und Josef Rupprecht goldene Hochzeit zu feiern. Von ihr weiß Rupprecht, dass es Hortobágy schwer hat, seit Orban und dessen rechte Partei Fidesz 2010 die Regierung übernahmen. "Kommunen, deren Bürgermeister nicht der richtigen Partei angehören, werden benachteiligt", weiß Rupprecht. Vince und die Mehrheit des Gemeinderats in Hortobágy ist parteilos. Diesen "Fehler" lasse die Regierung die Kommune etwa bei Zuschüssen und Fördermittel spüren. "In Ungarn gibt es eine Zweiklassengesellschaft."

Von der weiß auch Anita Floth. Die frühere Kreisrätin war zuletzt im späten Frühjahr in Ungarn. Dabei habe sie große Perspektivlosigkeit bemerkt. "Viele Ungarn zieht es selbst fort aus dem Land", sagt sie. Die Unzufriedenheit mit Orban sei groß. Allerdings könne sie nur von ihren Bekannten berichten, die alle offen und aufgeschlossen seien. Zur Stimmung in der Bevölkerung wisse sie wenig, auch wegen der Sprachbarriere.

Weder diese Barriere noch die ungarische Regierung: Den seit 1992 entstandenen Freundschaften könne das nichts anhaben. Die verbinde sie schließlich mit den Menschen, nicht mit Staaten, sagt Floth. Der Ungarnurlaub im nächsten Jahr ist jedenfalls fest geplant.
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