"Suchtbaum" an Wurzel packen

Wie sich Alltagsgewohnheiten zu ungesunden Zwängen auswachsen können, verdeutlicht der "Suchtbaum". Ein zentraler Anlaufpunkt der Ausstellung "einfach menschlich", die Bezirkstagspräsident Franz Löffler (Dritter von rechts), Freia von Hennigs (Zweite von rechts) und Dr. Michael Ziereis (Zweiter von links) eröffneten. Bild: Kempf

Die Besucher sollen "den Schalter im Kopf umlegen". Neue Denkanstöße zum Thema Sucht erhalten sie in einer Ausstellung im Bezirksklinikum Wöllershof. Alles dort ist "einfach menschlich".

Um das Leid von Süchtigen, Abhängigen und deren Angehörigen geht es ebenso wie um Wege aus Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit heraus. "Ziel ist es, Sucht als ausweichendes Verhalten zu erkennen, das eigene Verhalten zu reflektieren, sich selbst ein Stück weit begegnen", erklärt Ausstellungsleiterin Freia von Hennigs zur Schau "einfach menschlich". Bis 16. Juli gastiert diese im Kuppelsaal des Bezirksklinikums.

Das Projekt "einfach menschlich" gibt es bereits seit 17 Jahren, es entstand aufgrund vielfältiger persönlicher Erfahrungen. Zielgruppe sind Jugendliche etwa ab der 10. Schuljahrgangsstufe und junge Erwachsene. Aber auch Betroffene und Interessierte jeder anderen Altersgruppe finden in der Präsentation neben Informationen zum Thema Sucht und dem Umgang damit auch Denkanstöße, die den ersten Schritt aus einer Abhängigkeit begründen können. Abgebildet werden die Erfahrungen genesender Süchtiger: nicht auf Infotafeln, sondern in ungewöhnlichen Darstellungen, die aufrütteln und zugleich informieren.

Mitten im Raum steht ein großer "Suchtbaum", an dessen Zweigen einzelne Abhängigkeiten genannt sind. An einem Zweig hängen "Alltagssuchtmittel" wie Süßigkeiten. Der Besucher wird konfrontiert stellt fest, wie niedrig die Schwelle zwischen Alltagsverhalten und Sucht ist. Wer ahnt schon, dass Fensterputzen zur Sucht werden kann?

Was macht Sucht aus?

200 Quadratmeter begehbare Installationen lassen erfahren, wie man süchtig werden kann, was Sucht ausmacht. Durch lebensgroße Standfiguren von "normalen" Menschen treten die Besucher durch Schattenrisse in die Welt der Ausstellung ein. Aufgezeigt werden auch Wege aus der Sucht, unterschiedliche Hilfsangebote und die Problematik der Co-Abhängigkeit. Lese-Ecken und Infotische runden das Angebot ab.

Für die Ausstellung zeichnet der Regensburger Verein "S.u.G. Suchtprävention und Genesung" verantwortlich. Unterstützt wird sie seit Jahren von der DAK, für die Rainer Vorsatz bei der Eröffnung betonte: "Die gesundheitspolitische Bedeutung des Suchtmittelmissbrauchs, der präventive Ansatz der Ausstellung und die zunehmende Rolle der Selbsthilfe sind die wesentlichen Gründe für unser Engagement." In Wöllershof wird die Ausstellung auf Initiative des betrieblichen Gesundheitsmanagements der "medbo" (Medizinische Einrichtungen im Bezirk Oberpfalz) und der Betrieblichen Suchthilfe gezeigt. Bezirkstagspräsident Franz Löffler sagte, dass "wir angesichts der besorgniserregenden Zahlen jede Gelegenheit zur Prävention nutzen müssen". Sucht schaffe nicht nur oft traurige persönliche Schicksale, sondern sei auch ein volkswirtschaftlicher Verlust.

30 000 Alkoholkranke

In der Oberpfalz gebe es rund 30 000 Alkohol-, 14 000 Medikamenten-, 7500 Cannabis- und 1300 Heroinabhängige, eine wachsende Zahl von Crystalsüchtigen - und etwa 200 000 tägliche Raucher. Der Bezirk finanziere unter anderem 12 psychosoziale Suchtberatungsstellen. Wie Ärztlicher Direktor Dr. Michael Ziereis erläuterte, gehen in Wöllershof jährlich rund 800 Patienten mit Alkoholproblemen auf Entzug. Zudem würden etwa 400 Patienten mit einem im Vordergrund stehenden illegalen Drogenkonsum behandelt.
Weitere Beiträge zu den Themen: Wöllershof (139)Juli 2015 (8666)
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