Täglich 650 Busse

Das Plakat mit der Aufschrift "L'amore più grande" ist in Turin omnipräsent. Es prangt auf allen Plätzen und Gebäuden, und in jeder Kirche sowieso. "Die größte Liebe" heißt das Motto für die 12. Ausstellung des Grabtuches. Etwa zwei Millionen Besucher haben die Sacra Sindone schon gesehen, doch der bedeutendste Gast kommt erst noch.

Das knapp fünf Quadratmeter große, gelbliche Leinentuch gilt als eine der wichtigsten Ikonen des Christentums. Es zeigt das diffuse Bildnis eines 1,75 Meter großen, unbekleideten Mannes im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Er hat Wunden, die den Kreuzigungsmerkmalen Jesu entsprechen, wie sie die Bibel beschreibt. Für viele Christen steht außer Frage: In diesem 4,36 Meter langen und 1,10 Meter breiten, gewebten Leinen war der leblose Leib von Christus eingewickelt. Am Tag der Auferstehung haben sich in ihm die Zeichen seiner Passion eingebrannt. Skeptiker sehen darin eine gut gemachte Fälschung aus dem Mittelalter.

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Gewöhnlich wird das Tuch aus ungebleichtem Leinen, das im Turiner Dom wie ein Augapfel gehütet wird, nur ganz selten gezeigt. Nur weil der heilige Don Bosco 200. Geburtstag feiert, ist die Sindone heuer zu sehen. Erzbischof Cesare Nosiglia hat die Ausstellung in der Kathedrale San Giovanni Battista am 19. April eröffnet. Sie dauert noch bis 24. Juni. Über 3 Millionen Gäste werden bis dahin erwartet. In Spitzenzeiten sind es bis zu 10 000 in der Stunde. Täglich kommen 650 Reisebusse in die Hauptstadt des Piemont. Bei der letzten Ausstellung 2010 waren es 2,5 Millionen Pilger.

Wer das Grabtuch sehen will, ist gut beraten, sich schon zu Hause im Internet zu registrieren und die kostenlose Eintrittskarte auszudrucken. Mit ihr meldet man sich am angegebenen Treffpunkt in der Viale die Partigiani. Die Verantwortlichen haben zur Bewältigung des Massenandrangs einen "Pfad des Grabtuches" ausgeklügelt und gewährleisten damit einen würdigen Ablauf.

Das Sicherheitsaufgebot ist enorm. Überall in Turin, zugleich Außenstelle der Expo in Mailand, patrouilliert in diesen Tagen die Polizei, vor allem rund um den Dom. Beim Betreten des Pfades werden die Besucher wie auf Flughäfen von Metalldetektoren durchleuchtet. Es geht alles sehr, sehr ruhig vonstatten. Am Ende des 850 Meter langen Weges zeigt und erklärt vor dem Betreten des Domes ein kurzer, informativer Film das Grabtuch.

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Nur für wenige Minuten

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In kleinen Gruppen erreichen die Wallfahrer den Seitenaltar und stehen schließlich vor dem geheimnisvollen Grabtuch, das in einer kugelsicheren, schwenkbaren Glasvitrine untergebracht ist. Ein Raumfahrtunternehmen hat diese Konservierungskapsel konstruiert. Nur einige Minuten dürfen die Gäste vor der Sindone verweilen, bevor sie den Dom wieder verlassen müssen. Der Haupteingang der Kathedrale ist abgeriegelt.

Drei Tage, bevor das Grabtuch wieder sicher verwahrt wird, reist Papst Franziskus am 19. Juni in die Heimatregion seiner Eltern. Der Heilige Vater kommt nach Turin als Pilger des Glaubens und der Liebe. Er will das Grabtuch ehren und bei der Reliquie beten. Sein Besuch ist aber auch eine Reverenz an Johannes Bosco, den großen Heiligen der Stadt. Er wäre heuer 200 Jahre alt geworden. Ihm lag vor allem das Wohl armer, benachteiligter Jugendlicher am Herzen. Der Gründer der weltweit tätigen Salesianer Don Boscos ist in der prächtigen Maria-Hilf-Basilika im etwas außerhalb des Zentrums liegenden Stadtteil Valdocco beigesetzt. Sein markanter Geburtstag geht daher leider etwas unter.

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Anmeldung für die Ausstellung im Internet:

http://www.piemonteitalia.eu
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