Töpferladen geschlossen

Drei Tage nach Heiligabend hat er seinen 70. Geburtstag. Da müssten doch die Gratulanten Schlange stehen. "Kein Anlass zur großen Feier", sagt Hans-Jürgen Buchner und erzählt, dass er mit Ehefrau Ulrike in Regensburg zum Essen geht. 40 Kilometer von einem 100-Seelen-Dorf entfernt, dessen Namen er zu einem Begriff gemacht hat: Haindling.

Kann gut sein, dass es an der Tür des uralten ehemaligen Ortswirtshauses gleich neben zwei mächtigen Kirchen klingelt und draußen Leute stehen, die in Haindling den Herrn Haindling einmal sehen wollen. "Ich bin es gewohnt, mit zwei Namen zu leben", sagt Hans-Jürgen Buchner. Doch bevor er weiterredet, ist ein wenig Geduld erforderlich. Interview mit Journalisten? Schon zwei gehabt heute. Aber noch kein Mittagessen. Also erst die Forelle und dann das Gespräch.

Die einstige Gaststube mit der noch vorhandenen Wandvertäfelung ist zum Wohnraum umgestaltet, Pantoffeln zum Betreten unerlässlich. Buchner hat sie in allen Größen. Der Bandleader und Ausnahmemusiker nimmt an einem wuchtigen Holztisch Platz und ist geneigt, sich mit denen zu unterhalten, die aus der Oberpfalz ins benachbarte Niederbayern gefahren sind, um etwas über den nun bevorstehenden 70. Geburtstag zu hören.

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Geburtstag am 27. Dezember? Feier? Großer Rummel? Fehlanzeige. "A Tog wie jeda andere", sagt der Macher von Songs wie "Paula" und bedeutet, man möge sich anderen Themen zuwenden. Zum Beispiel diesem: Bleibt denn noch Zeit zum Töpfern? Schließlich haben er und seine Frau Ulrike dieses Handwerk irgendwann vor vielen Jahren einmal erlernt, sind mit Preisen bedacht worden. "Na, nimmer", lässt Buchner wissen. Der Laden, in einem Nebengebäude des Ex-Wirtshauses untergebracht, ist geschlossen. Zum Partyraum umgestaltet. Nur der Brennofen kündet noch von der einstigen beruflichen Zweigleisgkeit des Meisters.

Ach ja, der runde Geburtstag. "Ich war bei Filmemacher Josef Vilsmaier. Der hatte auch einen runden", erzählt der Musiker, Komponist, Arrangeur. Und was war da? "Der ist dann von Tisch zu Tisch gelaufen und hat alle begrüßt. Das will ich nicht." Also besser mit der Gattin zum Essen nach Regensburg. Rückbesinnung an einem solchen Meilenstein des Lebens und Schaffens? Rückbesinnung, lächelt Buchner, finde immer statt. Doch viel wichtiger sei doch der Blick auf Zukünftiges.

Keine Zeit zum Innehalten. Pläne hat dieser Mann, Musik geht ihm durch den Kopf. Fünf Sticks mit jeweils 300 Minuten aneinandergereihten Tönen besitzt er, Blöcke voller Notizen für die Texte. Daraus, das weiß Buchner, werden viele neue Lieder entstehen. Sicher auch für zwei neue Alben, die 2015 erscheinen sollen. Eines davon mit ihm allein am Klavier. Welches Instrument beherrscht er sonst noch. Die Antwort: "Außer Geigen und Cello alle."

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Oldfield als Vorbild

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Hat er Vorbilder? Damals, in den Anfangszeiten, Mike Oldfield. Heute eher keine. Haindling ist Haindling, Buchners Stil kann nirgends eingeordnet werden. Plötzlich steht er auf, beginnt zu suchen und findet eine CD, die man ihm hat zukommen lassen. Von einer jungen Dame namens Agnes Obel. Agnes wer? "Ich kenn' die auch nicht", gibt Hans-Jürgen Buchner zu. Dann gibt es eine Hörpobe. Ergebnis für ihn und seine beiden Besucher: "Gigantisch gut. Muss man sich merken."

Niederbayern ist seine Heimat, dort tritt Buchner gelegentlich im Altenheim von Bogen auf. Dann musiziert er für seine betagte Mutter und die anderen Senioren. Auch jetzt vor Weihnachten. Wird das Fest bei ihm gefeiert? Ohne Geschenke, ohne Christbaum, nur mit Ehefrau Urike. "A Tannenzweigerl wird sich scho find'n", schmunzelt der Vielbeschäftigte.

Noch heute weiß er, dass so ein Geburtstag kurz nach Heiligabend durchaus nachteilig sein kann. "Da hot's immer den Rest vo de Weihnachtsgeschenke gegeben."

Grüße an die Oberpfalz? Gerne. Bezug ist ja da: Gymnasium in Cham, Bundeswehrzeit in Oberviechtach. Und dann, vor nun 30 Jahren, die Mitwirkung beim Anti-WAA-Festival in Burglengenfeld vor 100 000 Leuten. Schon damals hat Hans-Jürgen Buchner Meinungen klar geäußert. Und wieder erhebt er sich, greift nach einer von ihm geschaffenen dicken Platte aus Porzellan. Hieroglyphenartige Zeichen sind darauf abgebildet. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich: Dort ist aneinandergereiht, "was der Mensch in hundert Jahren an Zerstörung auf unserem Planeten verursacht".

Eine dieser Platten hat er vergraben. Verbunden mit der Hoffnung, dass sie in 3000 Jahren vielleicht einmal jemand findet. "Falls es dann noch Lebewesen hier gibt." Irgendwie und sowieso wird sich das zeigen müssen.
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