Tourismus nach Wende

Die Menschen sind immer noch freundlich und hilfsbereit. Sobald wir den Stadtplan auffalten, bietet man uns Hilfe an. Viele historische Bürgerhaus-Fassaden strahlen wie nach einem Frühjahrsputz. Stolz erinnert uns der Wirt daran, dass die Altstadt Wismars zusammen mit der von Stralsund seit 2002 Unesco-Weltkulturerbe ist.

In einem der vielen Lokale an Norddeutschlands größtem Marktplatz denken wir an unseren ersten Besuch der alten Hansestadt an der gleichnamigen Bucht zurück. Als wir fragen, wann die ZDF-Dreharbeiten für eine neue Folge der Reihe "Soko Wismar" beginnen, lautet die lachende Antwort: "Die drehen doch nur bei schönem Wetter im Sommer." Wir meinen allerdings, dass der Drehbuchschreiber die hübsche finnische Austausch-Inspektorin besser zu einer Schwedin gemacht hätte.

Denn von 1648 bis 1803 gehörte Wismar, einst Gründungsmitglied der Hansestädte, zu Schweden. Erst danach kaufte der Großherzog von Mecklenburg die Stadt für 1 250 000 Taler zurück. Am 14. Mai 1881 gründete Rudolph Karstadt in Wismar sein erstes Geschäft, das heute noch besteht. Seine zündende Idee bestand darin, dass er als Erster Waren nur gegen Barzahlung verkaufte.

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Ab 1893 lieferte die hiesige Waggonfabrik 50 Jahre lang Personen- und Güterwagen in alle Welt. Die 1935 gegründete Flugzeugfabrik war im Krieg zwölfmal Ziel alliierter Flugzeugangriffe. 80 Prozent der Industriebetriebe und ein Drittel aller Wohnungen wurden zerstört. Erst die Wende 1990 führte zu einem nie gekannten Touristenstrom und schuf die Voraussetzungen, um die reiche mittelalterliche Bausubstanz wieder erstrahlen zu lassen.

Davon profitierten vor allem die Altstadt, die flächengrößte aller Ostseestädte, und die markanten Wismarer Kirchen. Von St. Marien steht seit der Sprengung des geschädigten Baus im Jahr 1960 nur noch der 80 Meter hohe Turm. Er wirkt wie ein riesiger backsteinroter Finger, der auf den Irrsinn jeden Krieges mahnend hinweist. Dreimal täglich erklingt ein Glockenspiel mit einem von vierzehn Chorälen. Die St. Georgen-Kirche, ein Hauptdenkmal norddeutscher Backsteingotik, hatte mehr Glück.

Der 1990 begonnene Wiederaufbau konnte zwölf Jahre später erfolgreich beendet werden. Die Heiligen-Geist-Kirche diente im Mittelalter als Gotteshaus, Klinik sowie als Pilger- und Obdachlosen-Herberge. Im vierzig Meter langen Innenraum beeindrucken besonders die Skulpturengruppe der Heiligen Drei Könige und ein prachtvolles gotisches Glasfenster, das an die Goethe Zeilen erinnert: "Dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergetzt die Augen!".

Die farbenfroh bemalte Holzbretter decke stammt aus dem Barock. Ein riesiges Schiffsbild aus dem 17. Jahrhundert zeigt eine Kogge vor dem Panorama der Stadt Wismar. Der Hof der Kirche ist bei Filmliebhabern bekannt als Drehort des expressionistischen Stummfilms "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922.

Sakraler Höhepunkt jedoch ist die nach der Lübecker Marienkirche zweithöchste Backstein-Basilika der Welt, St. .Nikolai. Sie ist 1403 geweiht worden und hat den Krieg fast unbeschädigt überstanden. Ihre reiche Innenausstattung zeugt von der Glaubenshaltung früherer Generationen. Aber auch Terracotta-Figuren von Ernst Barlach und Skulpturen von Gerhard Marcks sind zu bewundern.

Nach dem Blick auf soviel kulturelle Vergangenheit kehren wir in die Gegenwart zurück. Am größten Marktplatz des gesamten Ostseeraums laden viele originelle Lokale zum Verschnaufen ein. Eines befindet sich in dem 1380 entstandenen ältesten Wismarer Bürgerhaus, dem "Alten Schweden". Um 1500 gab es in der Stadt 182 Brauereien. Wer seinen Durst mit Wasser löschen wollte, nutzte auf dem Marktplatz einen "Wasserkunst" genannten Behälter im Renaissance-Stil.

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Malerische Gassen

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Am Marktplatz macht die Tourismus-Zentrale Appetit auf weitere Wismar-Besuche mit einem reizvollem Programm : die 12. Wismarer Heringstage im März, den Oster-Markt, das internationale Straßentheater-Fest, das Hafenfest und das Schwedenfest im Juli

Beim abschließenden Streifzug durch malerische Straßen und Gassen fallen die bunt bemalten sogenannten "Schwedenköpfe" ins Auge. Sie sollen ursprünglich als Schiffsschmuck gedient haben. Seit der Schwedenzeit findet man sie an verschiedenen Stellen der Stadt. Dann. treffen wir auf einen Drehorgelspieler, der uns zum Abschied die "heimliche Nationalhymne" spielt": "...die Seele flog zum Himmel tau, es war ja "ne Pastorenkau. Ja sing man tau...", das Lied der Kuh von Herrn Pastor.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.wismar.de
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