Tschüss und Servus sind Lateiner
Griassde und Pfiate

Wer den Hut lupft, sagt sicherlich nicht Hallo oder Grüß Gott, sondern Griassde oder Hawadere. Bild: rid
Obwohl Grußformeln eine alltägliche und somit eine an sich normale bzw. relativ unbedeutende Angelegenheit darstellen, sind sie im Kontext des Dialekts seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem medialen Thema geworden, das immer wieder aufflackert. Damals wurde nämlich in Bayern eine "Anti-Tschüss-Kampagne" initiiert, die durchaus hohe und kontroverse Wogen schlug. Just in dem Moment, als sich jene wieder etwas glätteten, deklarierte eine Passauer Realschuldirektorin im Jahr 2012 ihre Bildungsstätte - unter Androhung von Sanktionen - zur "Hallo-und-Tschüss-freien-Zone".

Die beiden erwähnten Maßnahmen zielten in erster Linie darauf ab, den Gebrauch des von Haus aus eher norddeutschen Grußes "Tschüss" im Freistaat zu vermeiden. Dabei dürfte den wenigsten bekannt sein, dass diese Abschiedsfloskel aus dem Lateinischen stammt, und zwar von "ad deum" (= "zu Gott"). Von den Spaniern wurde sie als "Adiós" übernommen und gelangte auf dem Handelsweg nach Hamburg, wo sie zu "Atschüs" und schließlich zu "Tschüs(s)" wurde. Unmittelbar damit zu tun hat auch das französische "Adieu", das im Standarddeutschen in dieser Form oder als "Ade" ganz unbefangen Verwendung findet.

Es ist unbestritten, dass der Dialekt eine beträchtliche Fülle an ausdrucksstarken Grußformeln besitzt, und es wäre schlichtweg schade, wenn dieses "Kulturgut" verloren ginge. Doch - man mag es gutheißen oder nicht - im Zeitalter der Globalisierung ist es nun einmal ein Faktum, dass Ausdrücke wie "Hallo", "Hi", "Ciao", "Tschö" und "Tschüss(i)" vor allem unter der jungen Generation gang und gäbe sind und sich nicht "per Dekret" verbieten lassen, da sie eben der Sozialisation, dem Selbstverständnis und der spontanen Entscheidung eines jeden Einzelnen unterliegen.

Gleichwohl sollten die typisch mundartlichen Entsprechungen auf keinen Fall in Vergessenheit geraten, zumal der Dialekt allgemein zunehmend wieder mehr Wertschätzung erfährt. Die häufigsten Beispiele sind (an zweiter Stelle die "klassische" nordbairische Variante): Griassde/Grejssde, Griassgod/Grejssgod, Griassdegod/Grejssdegod und Hawadere (Begrüßung) sowie Pfiate/Pfejte, Pfiagod/Pfejgod und Pfiategod/Pfejtegod (Verabschiedung). Sowohl zur Begrüßung als auch zur Verabschiedung wird "Servus" (aus dem Lateinischen; Bedeutung: "Diener") verwendet.

Die in diesen Formeln vorhandenen kulturhistorischen Anklänge bestehen im Bezug zum Glauben in Form der Erwähnung Gottes ("Grüß dich Gott" und "Behüt dich Gott") und in der Ehrerbietung dem Gegrüßten gegenüber ("Ich habe die Ehre", "zu Diensten").

Die Tatsache, dass in unserer Gegend mittlerweile die mittelbairischen Varianten (mit dem Zwielaut "ia") gegenüber den nordbairischen (mit "ej") überwiegen, ist auf das grundsätzliche Vordringen des Mittelbairischen in südwestlich-nordöstlicher Richtung zurückzuführen. Was schließlich die aktive Pflege dieser Grußformeln unter Kindern und Jugendlichen betrifft, so ist es sicherlich sinnvoller, ihnen die beschriebenen Sachverhalte pädagogisch motivierend zu vermitteln, anstatt ihnen die "norddeutschen" Gepflogenheiten sozusagen qua belehrender Verordnung "austreiben" zu wollen. (slu)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/dialekt
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