Turnröcke und die "Klosterjäger"

Schwester Beata Wittmann (links) und Hildegard Wieber schwelgen in Erinnerungen an die ersten Jahre der Realschule Auerbach. Bild: swt

In Erinnerungen schwelgen derzeit viele ehemalige Realschülerinnen, besonders die, die zu den Ersten gehörten, die an der damaligen Auerbacher Privatschule ihren Abschluss machten. Sieglinde Heckel ist eine von ihnen. Sie und ihre Klassenkameradinnen denken gern zurück.

Als erstes fiel den jungen Mädchen das helle schöne Gebäude inmitten grüner Natur auf. Im Vergleich zu den engen Nachkriegswohnungen etwas Besonderes. "Die Schwestern wirkten auf uns wie gute Mütter, wir betraten absolutes Neuland", erzählt uns Siglinde Heckel. Das war auch für die Schulschwestern ein besonderer Neuanfang. Sie wagten Anfang der 50er Jahre etwas, was weit und breit seinesgleichen suchte. Während Buben ohne Probleme nach der Volksschule eine weiterführende Schule besuchen konnten, gab es für Mädchen nach der achten Klasse nichts.

Eine Mädchenschule

Die Idee reifte, eine Mädchenschule zu gründen. Nach vielen Überlegungen fuhren zunächst zwei Schwestern nach München zum Kultusministerium und fragten an, ob und wie sie eine Schule gründen sollten. Dort gerieten sie an Dr. Wilhelmine Böhm. Die Beamtin ermutigte die Schwestern, mit dem Unterricht zu beginnen. Einige der Nonnen waren bereits an der Volksschule im Einsatz. Eine Mittelschule fehlte allerdings. Und in den Nachkriegsjahren auch das nötige Geld.

Diesen Einwand ließ Böhm nicht gelten. "Fangt an, improvisiert! Ihr habt die mündliche Zusage zur Genehmigung." Damit hatten die Schwestern zunächst nicht gerechnet. Schlaflose und arbeitsreiche Nächte später hatten sie ein Unterrichtskonzept entwickelt und sich um die Einrichtung von Klassenräumen gekümmert. Wie wenig die Schwestern damals zur Verfügung hatten, zeigt auch die Tatsache, dass es zunächst keine Schulglocke gab. Beim Stundenwechsel musste jedes Mal eine Schülerin nach draußen und eine Glocke von Hand läuten. Als erste Schulleiterin wurde Schwester Pauline Zipperer berufen. Sie unterrichtete an der Volksschule und fuhr dann regelmäßig jedes Wochenende nach München, um die Qualifikation für die Mittelschule zu erlangen. Schwester Pauline ist vielen Ehemaligen noch in guter Erinnerung. Sie prägte die Schule wie keine andere. 30 Jahre stand sie an der Spitze der Realschule. Hildegard Wieber gehörte zum 2. Abschlussjahrgang und ist heute noch beeindruckt von den Worten der Lehrkraft, die Geschichte und Deutsch unterrichtete. "Strengt Euch an, ihr schafft das!"

25 Mark Schulgeld

Wieber erinnert sich an die karge Zeit damals. 25 Mark Schulgeld musste sie bezahlen. Die Eltern hatten nicht genug, sie bekam das Geld von ihrem Bruder, der bereits in die Lehre ging. "Er hatte selbst nicht zum Gymnasium nach Hersbruck gehen können, weil das Geld für die Fahrt nicht aufgebracht werden konnte. Daran knabberte er lange", erzählt Hildegard Wieber. Seiner kleinen Schwester sollte es nicht so gehen.

Vor allem Schwester Paulines Geschichtsunterricht ist Wieber im Gedächtnis geblieben. "Sie fesselte uns. Und noch heute begeistert mich Geschichte." Auch Sieglinde Heckel erzählt von interessanten Unterrichtsstunden, von den Schulgottesdiensten, den gemeinsamen Liedern und Konzerten. "Es gab noch keine Turnhalle, dafür durften wir Volkstänze im Atrium einstudieren." Zum Turnen ging man in die SC-Turnhalle, mit schwarzen kurzen Hosen.

Knapp überm Knie

Hildegard Wieber erinnert sich an Turnröcke, die genäht wurden. "Wir mussten sie nach Anleitung anfertigen, hatten die Anweisung, bis kurz unters Knie. Aber wir haben uns alle verschnitten und die Röcke endeten überm Knie", schmunzelt sie. Da gab's dann schon eine Ermahnung von der Schwester. Einheitliche Kleidung war auch bei den Abschlussfeiern angedacht. So nahmen die Mädchen in schwarzen Kleidern ihre Zeugnisse entgegen. "Das schweißte zusammen", weiß auch Schwester Beata Wittmann, die 1960/61 als Lehrkraft begann.

Später übernahm sie die Leitung der Schule. Anfang der 60er Jahre kam dann Individualität bei der Kleidung auf, sie erinnert sich an erste enge Hosen bei den Mädchen. Der Religionsunterricht von Pfarrer Ritter ist ebenfalls noch in der Erinnerung verwurzelt. "Er dehnte gerne seine Stunde aus", weiß Schwester Beata. Ihre Kollegin, Englischlehrerin Schwester Creszentia, öffnete des öfteren die Klassenzimmertür und erinnerte den Pfarrer daran, das jetzt Englisch dran sei. Ihr Unterricht beeindruckte übrigens schon damals die Visitatoren des Kultusministeriums. Sie bevorzugte Konversation im Unterricht, ließ die Schüler Texte auswendig lernen, so konnten viele bald sehr gut Englisch sprechen .

Ab durchs Getreidefeld

Erinnerungen werden auch an die "Klosterjäger" wach. So nannten die Mädchen die jungen Burschen, die am Sonntagabend unter den Fenstern der Internatsschülerinnen saßen und ihnen beim Tanzen zuschauten. Einmal wurde sogar ein Polizist gerufen, um die jungen Burschen zu vertreiben. Die verkrümelten sich ins Getreidefeld. Und wurden prompt am anderen Ende von der Polizei in Empfang genommen.
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