Über 100 Feldpostkarten

Die kollektive Kriegsbegeisterung, die in Deutschland und in vielen anderen europäischen Staaten im August 1914 ausbrach, dürfte sich nach heutigem Kenntnisstand vor allem auf das städtische Bürgertum beschränkt haben. In den ländlichen Gebieten waren die Erntearbeiten im Gang, die wenig Raum für nationale Begeisterung ließen.

Auch unter der Arbeiterschaft war das Echo durchaus gemischt. Im Wochenbericht an die Regierung in Regensburg wird diese Skepsis noch greifbar, wenn vom "würdevollen Ernst" angesichts der allgemeinen Mobilmachung die Rede ist.

Wie mag sich ein Mann von 41 Jahren, ein Handwerker mit einer großen Familie, mit 8 Buben von einem Jahr bis 16 Jahren, in diesem Moment gefühlt haben? Wie hat er seinen Kriegseinsatz erlebt, der ihn von September 1914 bis zum Mai 1917 fern der Neustädter Heimat auf den westlichen und östlichen Kriegsschauplätzen festhielt?

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Im Fall des Neustädter Seilermeisters Georg Wiedenhofer (Bruckseiler) ist diese Zeit in über 100 Feldpostkarten und -briefen an seine Frau Anna ("Nanni") und seine Kinder ausführlich dokumentiert. Briefe über die meist überraschend gut funktionierende Feldpost auszutauschen, war für die Soldaten und deren Angehörige die einzige Möglichkeit, über lange Zeiten der Abwesenheit Kontakt zu halten und wenigstens zeitverschoben zu erfahren, wie es zu Hause beziehungsweise am Einsatzort geht.

Warten auf ein Lebenszeichen von einem Kriegsschauplatz, auf eine Nachricht, auf ein Päckchen von zu Hause war eine alltägliche Qual für alle Beteiligten, wie sie in Zeiten von Smartphone und "WhatsApp" kaum mehr vorstellbar ist. Da die Soldaten mit Zensur und Bestrafung rechnen mussten, wenn sie militärische Geheimnisse in ihren Briefen weitergaben, ist es nicht verwunderlich, dass sich Georg Wiedenhofer in über 100 Briefen nie eine politische Aussage über die Kriegslage erlaubt. Meist äußert er sich nur recht allgemein über seine Dienstaufgaben und Einsatzorte.

Die Musterung für das 1. Landsturmbataillon Weiden, dem Georg Wiedenhofer angehörte, begann nach dem Bericht der Regierung der Oberpfalz am 13.9.1914. Sein erster Brief kommt am 20.9. aus Sulzbach, in dem er um Vervollständigung seiner Ausrüstung bittet. "Wenn möglich übersende in nächster Zeit folgendes: Leibbinde, Stutzl, Zipflhaube, einige Putzlappen, 2 Paar Fußlappen, Tabak, 2 Schachteln Schuhfett, die ledernen Pantoffeln, 2 Würste, wenn noch vorhanden. Wollene Decke habe ich bereits. Mehr darfst du nicht schicken, macht sonst nur Umständ."

Der Zeitpunkt des ersten Einsatzes in Nordfrankreich beziehungsweise Belgien, die von den deutschen Truppen in den ersten Kriegswochen überrannt worden waren, bleibt im Dunklen. Erst am 13. November kommt der erste Brief aus Maubeuge in Nordfrankreich, wo der Landsturm das eroberte Gebiet zu sichern hatte. Wiedenhofer berichtet vom "Patrouillendienst (Spähtrupp, als Posten auf- und abgehen)". Bereits einen Monat später schreibt er aus Namur (Belgien), wo er offenbar zur Bewachung in einem der neun Forts um die Stadt eingesetzt ist.

Bis Juli 1916 wird er hier im besetzten Hinterland seinen wenig gefährlichen Dienst tun. Einmal kann er sogar von einem Wochenendausflug nach Amsterdam und Antwerpen berichten. Nur allmählich setzt sich bei ihm die Einsicht durch, dass der Krieg nicht so schnell enden wird, wie alle dachten. Im September 1915 klingt diese Einsicht schon ganz resignativ: "Es ist voraussichtlich an ein Kriegsende noch nicht zu denken, obwohl alles dies Elend satt hätte."

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"Wieder ein Jahr dahin"

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Im Verlauf der Zeit spürt man eine stille Ungeduld bei ihm: "Wenn man denkt, wie nützlich man in jetziger Zeit zu Hause wieder sein könnte, wird einem ganz schwummelig." Ende 1916 formuliert er seine Friedenssehnsucht und den Zweifel am Sinn des Krieges sehr deutlich: "Wieder ist ein Jahr in Kampf u. Blutvergießen dahin. Sollte denn nicht die Führung der Völker zur Einsicht kommen u. der Welt für 1917 den Frieden schenken? Hoffen wir, dass uns die Morgenröte des Friedens bald entgegenleuchtet."

Auch auf seine Entlassung aus Altersgründen, wie sie in Preußen und Württemberg möglich war, wagt er bald nicht mehr zu hoffen: "... während wir Bayern sich die Köpfe einrennen u. durchhalten können. Wenn man die Dinge so verfolgt, könnte man leicht boshaft u. kritisch werden." Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass seine gefährlichsten Einsätze noch vor ihm liegen. Am 21. Juli 1916 muss er seiner Nanni mitteilen: "Gestern nachmittag 4 Uhr Bataillon Weiden von Namur abgegangen. Heute auf der Fahrt durch Westfalen u. Preußen, wahrscheinlich mit Kurs auf Rußland."

Drei Tage später kommt er mit seinen Kameraden in Galizien (damals Teil von Österreich-Ungarn) an, wo seit Anfang Juni die heftige russische Brussilow-Offensive in Gang ist. Schon in den ersten Briefen von dort, macht er die wesentliche Verschlechterung seiner Situation deutlich: "Die Lage in die man uns jetzt gesteckt hat, ist nicht die rosigste. In einem Lande, das der Feind schon einmal im Besitz hatte u. das ohnedies seit Kriegsbeginn im Kampfgebiete liegt, von den einfachen und ärmlichen Verhältnissen der Landbevölkerung gar nicht zu reden, kann man sich leicht ein Bild über die gegebene Lage machen. Schaffner wird dir wohl hierüber einiges erzählt haben. Wenn man auch viel in Kauf nehmen muß, wäre das jetzt noch erträglicher, als die Strapazen im Schützengraben, dem die Österreicher es vorzogen in russische Gefangenschaft zu gehen, deren Plätze wir nun einnehmen u. wohl tapferer als diese zu verteidigen haben werden." Nicht mehr Wachdienst, sondern Einsatz an verschiedenen Abschnitten dieser heftig umkämpften Front wird jetzt sein gefährlicher Alltag.

Wohl noch unter dem Schock des Erlebten schildert er im August 1916 zum einzigen Mal ausführlich, wie es an der Front zugeht: "Am 9. Aug. wurden wir mehr südlich abtransportiert nördlich Stanislau (heute Ukraine) unweit des Flusses Dnjestr. Am 10. noch einmal Quartier u. am nächsten Morgen ahnungslos an die Front ohne alle Vorsichtsmaßregeln. Wir verschanzten uns nun während der Nacht des 11. auf 12. Aug. mit aller Kraft, was unsere Rettung war, denn am 12. Aug. bekamen wir ein fürchterliches Artillerie- und Gewehrfeuer. Wie gesagt Dank unserer Verschanzung hatten wir keine Verluste. Am Morgen des 13. Aug., als man ringsum ein Gefecht im Gange wähnte, kam Befehl "Alles marschbereit!"

Weiter schreibt er: "Nun gings rückwärts. Als wir aus dem Walde traten, wurden wir von allen Seiten mit Gewehrfeuer belegt. Nun erkannte man die Lage, die fürchterliche, in die man uns ahnungslos gesteckt. Es ist ein Wunder ohne Verluste davongekommen zu sein. Die 1. u. 2. Kompanie des Bataillons, welche in der schwierigen Lage waren, vermissen circa 35 Mann, welche wegen des raschen Rückzugs in Gefangenschaft geraten sein dürften. Seit der Zeit liegen wir ungefähr 5 - 6 km in einem Wald rückwärts in Reservestellung. Wir befinden uns hier in einem wirklichen Höhlenkessel. Ringsum nichts als Sümpfe. Die Russen, die hier an dieser Stelle unaufhaltsam vordrangen, sollen nun durch die Deutschen, was den Österreichern unmöglich war, zum Stehen kommen. Nun kampieren wir stets im Freien, gerade jetzt in einem Laubwäldchen, wo wir uns recht hübsche "Höhlen-Wohnungen", die für alles Schutz bieten, eingerichtet. Vorläufig müssen wir hier während der Nacht Stellungen bauen. Solche Tage noch zu erleben, hätte ich mir wahrlich nicht träumen lassen. Nun sind diese da u. müssen mit Geduld ertragen werden. Vielleicht folgen diesen schweren doch auch wieder bessere Tage. Alles seufzt nach Frieden, aber es will keiner kommen."

Einen Monat später (jetzt in der Nähe von Lemberg) bricht im Bataillon die Ruhr aus, was sein Verweilen in der Reservestellung verlängert. Als ihm im Oktober das Verdienstkreuz verliehen wird, bittet er seine Frau, dies nicht an die Öffentlichkeit zu bringen, wie es sonst üblich war. Mit seinen militärischen Verdiensten will er sich nicht brüsten. Die folgenden Monate bringen einen Wechsel von Schützengraben ("... man möchte hier fast im Dreck ersticken"), Reservestellung, Straßenbau, Dienst in einem Fuhrpark hinter der Front. Gefährlich wird es für ihn noch einmal im Januar 1917: "Diesmal habe ich auch hier keine recht gute Arbeit zugewiesen erhalten. Habe nämlich vor der 2. Stellung Draht-Verhau, sogenannte Hindernisse anzulegen, wobei immer die gegnerische Artillerie zu befürchten ist, zumal schlechte Deckung u. keine Unterstände vorhanden sind u. die Arbeiten bei Tag ausgeführt werden." Erst am Kaisergeburtstag (27.1.) gibt es "einmal einen Ruhetag". Nach einem weiteren Einsatz im Schützengraben wird er zu einem Minen-Werferkurs abkommandiert, "wenigstens hat man seine Nachtruhe", kommentiert er diese Veränderung. Nach einem zweiten Kurs dieser Art scheint sich im Mai 1917 sein lange gehegter Wunsch zu erfüllen: Für die 1873 Geborenen endet der Kriegseinsatz.

Heute fragt man sich, wie man eine solche Zeit aushalten konnte. Für Georg Wiedenhofer waren sein starker Glaube, sein Gottvertrauen eine entscheidende Stütze, wie viele Stellen in seinen Briefen erkennen lassen. "Aber wir müssen immer wieder Geduld haben, auf Gott vertrauen u. uns gegenseitig unterstützen im gemeinsamen Ertragen." Seine sehr besorgte Frau versucht er immer wieder mit solchen Hinweisen aufzurichten und so dem Schicksal einen Sinn abzugewinnen: "Es sind dies wohl schwere Prüfungen, aber werden diese in Geduld u. in einer guten Meinung ertragen, dann dürfen wir hoffen, dass sie auch übernatürliche Verdienste in sich bergen."

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Gedanken sind daheim

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Es war ihm sehr wohl bewusst, welch eine Last seiner Frau in dieser Zeit aufgebürdet wurde. Plötzlich musste sie, unterstützt von den größeren Söhnen, die kleine Landwirtschaft und die Seilerei alleine bewältigen. Fast jeder Brief zeigt, dass seine Gedanken dauernd daheim bei den fälligen Arbeiten waren. Er gibt seiner Frau eine Unzahl von Anweisungen und Ratschlägen, was wann wo wie zu machen ist, welche Reparaturen im Winter fällig sind, welche Tiere wie zu behandeln oder zu verkaufen sind. Er informiert sie über den Verkauf von Seilen und deren Preis.

In Zeiten des Mangels am Rohstoff Flachs denkt er an die länger werdenden Haare seiner Buben als Ersatz. Je länger sich der Krieg und seine Abwesenheit hinziehen, desto mehr merkt er, dass er viele Entscheidungen seiner Frau überlassen muss: "Für den Ausfall der Kartoffel kannst du dir vielleicht mit der Gerste durchhelfen. Mache es nur wie du es am besten findest ... direkte Anweisungen zu geben bin ich nicht in der Lage, da mir jede Übersicht genommen ist."

Zu den großen Arbeitsbelastungen für seine Frau Anna kommen die Sorgen um die kranke und sterbende Mutter und die Erziehung der großen Kinderschar. Immer wieder werden diese vom Vater ermahnt und mit Aufgaben betreut: "Die Buben, namentlich Hans und Nazi (= Ignaz, 12 und 9 Jahre) u. wer eben gerade Zeit hat, müssen es sich angelegen sein lassen vor- u. nachmittag, auch an Sonntagnachmittagen fleißig zu hüten. Auf diese Weise kann Futter gespart u. der Viehstand erhalten werden." "Adolf und Wendl (14 und 16 Jahre) sollten sich jetzt bei den langen Abenden mit Stenografie beschäftigen, was beiden später von großem Vorteil sein dürfte."

Als sein Größter einen neuen Rock braucht, schlägt er der Mutter vor, eines seiner Kleidungsstücke zu verwenden. Josef gibt er auch ausführlich Ratschläge zur Wahl eines Berufs und eines Ausbildungsplatzes. Als seine Frau einmal über den 13-jährigen Hans klagt, schreibt er resolut als Familienoberhaupt: "Weniger erfreulich sind für mich die Klagen, welche ich schon wieder vernehmen muß. Hans hat sich unter allen Umständen allen Anordnungen zu fügen, widrigenfalls ersuche ich, die strengsten Maßregeln gegen ihn anzuwenden." In steter Sorge vor Unfällen mahnt er immer wieder zur Vorsicht beim Dreschen und beim Häckselschneiden.

Neben all diesen Aufgaben und Sorgen hat die Frau immer wieder bei den Behörden um Urlaub für ihren Mann nachzusuchen. Nach vielen Gesuchen kann er in fast drei Jahren ganze viermal seine Heimat besuchen. In dieser ganzen Zeit sorgt sich die Frau rührend um eine ausreichende Verpflegung ihres Mannes und schickt ihm eine Unzahl von Paketen und Päckchen. Tabak, Zigarren, Geselchtes, Hartwurst, Käse, einen Gockel, ein Schnäpschen erreichen ihn immer wieder.

Vor allem in Galizien sind ihm solche Kostaufbesserungen sehr willkommen: "Mit der Verpflegung komme ich für meine Person knapp durch. Gewohnheitsessern geht es allerdings nicht zum Besten." Da ihm bewusst ist, dass die Versorgung auch in der Heimat immer schwieriger wird, dass Not und immer neue Ablieferungsverpflichtungen die Menschen belasten, versucht er sie immer wieder zu bremsen: "Ich habe jetzt alle Pakete, die du an mich geschickt, mit Ausnahme das mit Leberwürsten erhalten, welches ja auch bald eintreffen dürfte. Es ist ganz unheimlich diese vielen Pakete aufeinander. Mache es doch nur gnädiger u. schicke nicht gar so viel, da hierdurch euch die Sache nur entzogen wird."

Besonders freut er sich über die Lieferung der Naab-Zeitung, die es ihm ermöglicht, in Kontakt mit den Ereignissen in der Heimat zu bleiben. Dort ist er bereits Ende 1914 einstimmig in den Magistrat berufen worden, was ihm jedoch gar nicht gefällt: "War mir sehr willkommen über den Verlauf der Wahl etwas zu hören. Weniger erfreulich ist mir die Wahl, welche auf meine Person fiel. Genug Herren wären noch zu Hause, welche derlei Ämter wert wären. Wenn es mir möglich ist, werde ich ablehnen."

Auch wenn viele seiner Briefe meist sachlich, oft auch distanziert formuliert erscheinen, blitzen doch gelegentlich eine tiefe emotionale Bindung, tiefe Sorge und Mitleid mit seiner Frau in seinen Zeilen auf: "Ich glaube dir von Herzen, wenn du anfängst müde zu werden, aber lb. Nanni sei standhaft u. habe Geduld. Denke daran, dass du nicht alleine bist, denen Gott dieses Schicksal auferlegt. Die jetzigen Aussichten sind ja geeignet ein Kriegsende mehr denn je erscheinen zu lassen, aber bis uns ein abschließendes Ende winkt, werden noch viele ungezählte Tage verstreichen. Wohl oder übel, die Parole heißt aushalten."

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Verzicht auf Mandat

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"Was aber an dich, lb. Nanni, immer für Anforderungen herantreten, ist unbegrenzt. Sei unverzagt u. lass den Mut nicht sinken. Gott wird weiter helfen." Solche Briefe enden auch in der Regel weniger förmlich ("... grüße ich das ganze Haus, bes. dich, Gg. Wiedenhofer"), sondern voll Herzlichkeit ("... Dich, die Kinder herzlich grüßen, dein Georg"). Um ihre Sorgen um sein Wohlergehen zu begrenzen, versucht er ihr besonders in der gefährlichen Zeit in Galizien wenn möglich, fast jeden Tag zu schreiben.

Wie Georg Wiedenhofer das ernüchternde und enttäuschende Ende des Krieges erlebt und kommentiert hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall ist er nach dem Krieg sofort bereit, sich für das neue, jetzt demokratische Deutschland zu engagieren. Von 1919 an arbeitet er in der BVP-Fraktion im Neustädter Stadtrat mit, bis er nach der NS-Machtübernahme im Rahmen der Gleichschaltung des Stadtrats im Juli 1933 zum Verzicht auf sein Mandat gezwungen wird.
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