"Überfällige Reformen versäumt"

Die Situation in Griechenland liegt Dr. Angelos Gountidoudis (74) sehr am Herzen. Der pensionierte Internist zeigte sich beim Besuch in der SRZ-Redaktion als bestens informierter Kenner der Lage mit vielfältigen Kontakten in seine Heimat. Bild: Royer

Mit seiner Meinung hält er nicht hinterm Berg. Dr. Angelos Gountidoudis (74) wirft früheren griechischen Regierungen korrupte Politik vor, hält das Referendum vom Sonntag für überflüssig und findet die Äußerungen von Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis beschämend.

Sulzbach-Rosenberg. Im SRZ-Interview zeigt sich der pensionierte Internist als gut vernetzter Insider und scharfsinniger Beobachter der aktuellen Lage.

Herr Dr. Gountidoudis, Sie leben seit 55 Jahren in Deutschland, 39 davon in der Herzogstadt. Woher nehmen Sie den tiefen Einblick in das Geschehen in Ihrer Heimat?

Dr. Angelos Gountidoudis: Während all dieser Jahrzehnte pflegte und pflege ich engste Kontakte zu meiner ersten Heimat Griechenland über die eigene Großfamilie sowie über viele Kontaktpersonen, was mich die gegenwärtige Situation kenntnisreich einschätzten lässt.

Wie bewerten Sie das "griechische Drama"?

Gountidoudis: Zunächst ist Griechenland der EU, der Europäischen Zentralbank, dem IWF und insbesondere Deutschland für die langjährige finanzielle Unterstützung zu großem Dank verpflichtet. Aber seit über 30 Jahren haben die griechischen Regierungen leider eine beispiellos korrupte Politik betrieben und 2000 Familien, den Oligarchen, mehrfachen Millionären und Milliardären erlaubt, 80 Prozent des griechischen Vermögens zu besitzen. Zudem sind sie bis heute Weltmeister in der Steuerhinterziehung.

In welcher Form wirkt sich das auf den Rest der Bevölkerung aus?

Die Mittelschicht dagegen und die finanziell Schwachen haben in den letzten fünf Jahren - auch durch die Sparmaßnahmen des IWF - 40 Prozent ihrer Gehälter oder Renten verloren. Die Arbeitslosigkeit erreichte 27 Prozent im Durchschnitt und 62 Prozent bei der Jugend.

Was hätte die Regierung Ihrer Meinung tun müssen, um gegenzusteuern?

Gountidoudis: Griechenland hat bis heute versäumt, die seit Jahrzehnten überfälligen Reformen umzusetzen, ohne die es keine Zukunft und keinen Wirtschaftsaufschwung geben kann. Aus Protest und Zorn hat das Volk am 25. Januar die jetzige linksradikale Regierung an die Macht gebracht, die jedoch bis heute kaum Erfolge aufweisen kann.

Welche konkreten Auswirkungen zeigen sich, und was muss getan werden?

Gountidoudis: In den letzten fünf Jahren ist es in meiner Heimat zu einer humanitären Katastrophe gekommen. Eine Million Menschen sind beispielsweise täglich auf die Suppenküchen der Kirchen angewiesen, fast vier Millionen leben unter der Armutsgrenze, es gab 8000 Selbstmordfälle. Es muss nun dringend eine andere Politik greifen. Die neue Regierung versprach, die Oligarchen anzugreifen, bis heute sahen wir aber wenig in diese Richtung. Auch ohne Sparmaßnahmen wird es nicht gehen.

Wie schätzen Sie den in der EU heftig kritisierten Finanzminister Yanis Varoufakis ein?

Gountidoudis: Die Beschimpfungen des am Montag zurückgetretenen Finanzministers Yanis Varoufakis vom Samstag, dass alle Politiker der EU Terroristen sind, finde ich unannehmbar und beschämend. Dazu fällt mir nur folgender Adenauer-Spruch ein: "Gott hat der Klugheit Grenzen gesetzt, aber der Dummheit keine und das ist ungerecht!"

Können Sie Empfehlungen für die Zukunft geben?

Gountidoudis: Ich bin Arzt und kein Politiker, aber das griechische Drama ist leider zu 90 Prozent selbst verschuldet und hausgemacht - trotz einiger Fehler der drei Institutionen, wie zum Beispiel der IWF selbst 2014 zugab. Ökonomisch muss die griechische Mentalität geändert werden. Von den deutschen Wirtschafts- und Steuersystemen könnten die Griechen eine Menge lernen, aber dazu muss auch der Wille da sein.

Wie bewerten Sie das Referendum vom Sonntag?

Es war zu kurzfristig angesetzt, überflüssig und spaltete das Volk. Ich bin ein optimistischer Mensch, aber nach diesem Votum sehr skeptisch. Jetzt erwarte ich harte Verhandlungen zwischen Griechenland und den Institutionen. Die Hoffnung auf Einigung ist bei mir leider nur sehr gering. Das Ergebnis bringt Griechenland eher näher zum Grexit, der einen weiteren ökonomischen Verfall und für die EU einen großen Schaden bedeutet. (Zum Thema)
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