Überfüllte Krankenhäuser

Das Friedensdenkmal, die Atombombenkuppel in Hiroshima: Das dreistöckige Ziegelgebäude war eine Ausstellungshalle, die 1915 fertiggestellt wurde und Werbung für die industrielle Produktion machen sollte. Bis zum Morgen des 6. August 1945: Um 8.15 Uhr explodierte fast senkrecht über der Ausstellungshalle in etwa 550 Meter Höhe die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe. Alle, die sich in der Halle aufhielten, waren sofort tot. Am Ende stand nur noch der Kern des Gebäudes. Bilder: dpa
 
Der Atombombenangriff auf Nagasaki vom 9. August 1945 ist für immer ins nationale Gedächtnis der Japaner eingraviert. Dieses Denkmal im Friedenspark in Nagasaki erinnert an die Opfer.

Der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe verwandelte Hiroshima und Nagasaki vor 70 Jahren in eine lodernde Hölle. Heute fürchten manche der immer weniger werdenden Überlebenden, dass sich die Geschichte wiederholen könnte - und kritisieren die Politik ihres Landes.

Shozo Muneto lauscht vom Fenster seines Elternhauses dem Dröhnen des B29-Bombers am strahlend blauen Himmel. Kurz zuvor gab es Entwarnung, die Angst vor Luftangriffen schien unberechtigt. Doch plötzlich blitzt es vor den Augen des 18-Jährigen ungeheuerlich auf. Im nächsten Moment reißt die Wucht einer gewaltigen Explosion das Elternhaus des jungen Japaners nieder und begräbt ihn unter den Trümmerbergen.

Es ist der 6. August 1945, 8.15 Uhr. Nur 1300 Meter entfernt wirft der US-Bomber "Enola Gay", dem Muneto gerade noch nichtsahnend hinterhergeschaut hatte, die Atombombe "Little Boy" über Hiroshima ab.

"Als ich erwachte, blickte ich fassungslos auf schwarze Atomwolken", erinnert sich der heute 88-Jährige. Durch die Trümmer irren Überlebende wie Gespenster mit herabhängenden Hautfetzen. Die Mutter bringt den blutüberströmten Shozo Muneto in ein völlig überfülltes Krankenhaus. Dort: "Überall Schreie. Die Zimmer füllten sich in der Sommerhitze mit dem Gestank all der Leichen, an denen Maden klebten."

Durch die radioaktive Verstrahlung bekam Muneto später Leukämie, dennoch überlebte er die Folgen des atomaren Infernos. Noch heute stecken in seinem Arm Scherben; immer wieder treten an seinem Körper bei Anstrengung dunkelblaue Flecken auf. Jetzt, 70 Jahre nach dem Abwurf der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe, sitzt der alte Mann in einer kleinen christlichen Kirche seiner Heimatstadt und spricht mit leiser, trauriger Stimme über den Wahnsinn des Krieges.

Nie wieder Krieg

Nach dem Ende des für Japan verlorenen Zweiten Weltkrieges studierte Muneto Theologie, ging nach Amerika und wurde schließlich Pastor. Seither wird er nicht müde, den nachfolgenden Generationen über das Grauen von damals zu berichten, damit es nie wieder zum Krieg kommen möge.

Doch zum ersten Mal in all den vergangenen Jahrzehnten beschleicht ihn wie auch andere Überlebende der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki angesichts der Politik des heutigen rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe die Furcht, dass es genau dazu eines Tages wieder kommen könnte.

"Es ist wie vor dem Krieg", beschreibt Muneto die politische Atmosphäre seit Abes Amtsantritt Ende 2012. Nur wenige Wochen vor dem 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima stimmte das mächtige Unterhaus des nationalen Parlaments trotz massiver öffentlicher Proteste für eine Sicherheitsreform. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs will Japan damit wieder Soldaten zu Kampfeinsätzen ins Ausland schicken.

Druck auf die Medien

"Die Regierung will die Geschichte vergessen machen", beklagt die Friedensaktivistin Haruko Moritaki, die sich weltweit für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Hiroshima beklagt sie, wie die Abe-Regierung patriotische Erziehung an den Schulen betreibe, Japans kriegerische Vergangenheit in den Schulbüchern weißwasche und starken Druck auf die Medien ausübe.

Einerseits sei er als Überlebender der Atombombe ein Opfer, sagt Muneto. "Aber der Hintergrund, was dazu geführt hat, dass auf Japan Atombomben abgeworfen wurden, war Japans Militarismus und Kolonialherrschaft." 20 Millionen Menschen habe Japan in Asien getötet. "Wir sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter."

Doch Abe gebe nicht zu, dass Japan einen Invasionskrieg geführt habe, sagt Hirotami Yamada. Der Japaner überlebte die zweite Atombombe, die die Amerikaner drei Tage nach Hiroshima über Nagasaki abwarfen. Auch er sehe mit Sorge, wie Abe dabei sei, die pazifistische Nachkriegsverfassung so umzuinterpretieren, dass sein Land an der Seite des heutigen Verbündeten USA wieder Krieg führen könne, sagt Yamada. Er ist Leiter des Verbands der Atombombenopfer in Nagasaki.

Intensive Kampagane

"Das macht mir Angst", sagt auch Hiroshi Shimizu in Hiroshima. Auch er leitet dort eine Gruppe von Hibakusha, wie die Überlebenden der Atombomben genannt werden. Abe betreibe eine intensive Kampagne, China als Bedrohung darzustellen, um seine Sicherheitsdoktrin zu untermauern, beklagt Shimizu, der den Atombombenabwurf als damals Dreijähriger überlebte. "Japans Medien sind nicht kritisch. Und die jungen Leute wachsen damit auf", warnt Shimizu. Selbst unter den Atombombenopfern gebe es einige, die Abes Kurs befürworteten.

Hiroshimas Bürgermeister Kazumi Matsui, der Abes Partei angehört, ließ kürzlich wissen, dass er in seiner Erklärung zum 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs nicht plane, die umstrittenen neuen Sicherheitsgesetze zu erwähnen. Und das, obwohl sie nach Ansicht von Kritikern eine Abkehr vom Pazifismus der Nachkriegszeit bedeuten.

"Wir müssen uns noch mehr Mühe geben, den jüngeren Menschen unsere Erlebnisse weiterzugeben", sagt Pastor Muneto. Doch die Bedeutung Hiroshimas lässt nach. Fassungslos müssen Opfer wie er heute mit ansehen, wie an einem Fluss in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte für den Atombombenabwurf ein neues Austern-Restaurant gebaut wird.

"In diesen Fluss sind die Menschen gesprungen, weil sie verbrannt waren und es vor Hitze nicht aushielten. So viele sind ertrunken", schildert Moritaki. Es sei ihr unbegreiflich, dass man ausgerechnet hier künftig Champagner schlürfen kann. "Warum jetzt, nach 70 Jahren?", klagt die Friedensaktivistin und fügt hinzu: "Es ist eine Atmosphäre entstanden, die negative Geschichte vergessen zu wollen".
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