Umgang kann man lernen

Wenn neun Autorinnen gemeinsam ein Buch schreiben wollen, geht so etwas überhaupt? Und wie das geht. Die neun Oberpfälzer Schriftkünstler haben sich an solch ein Werk herangewagt und damit einen Erfolg erzielt, den kein Buchhändler erwartet hatte.

In diesen Tagen ist die vierte Auflage des Titels "Kochen trifft Kunst" ausgeliefert worden. Gesamtstückzahl mittlerweile über 7000 Stück. Damit hatte kaum einer gerechnet. Am wenigsten die Schriftkünstler selbst. Denn für sie war das Buch am Anfang nur ein Nebenprodukt ihres eigentlichen Hobbys, der Kalligrafie.

Die Liebe zur Schönschrift hat die Autorinnen zusammengebracht. Denn in Hinsicht auf Alter, Beruf und Lebensgeschichte haben sie nur wenig gemeinsam. Eine dieser wenigen Gemeinsamkeiten ist die Liebe zum Kochen. Und was lag da näher, als das eine Hobby mit dem anderen zu verbinden, also die Lieblingsrezepte kalligrafisch in Szene zu setzen.

Von Kalligrafie spricht man, wenn man die Kunst des schönen Schreibens meint. Ein Text, der nicht nur mit der Hand geschrieben, sondern auch besonders gestaltet ist, drückt mehr aus als die bloße Information des Inhalts. Der Schreiber wird zum Interpreten des Textes mit unendlich vielfältigen Möglichkeiten.

Wer das Buch aufschlägt, stellt fest, dass im Rezeptteil kein einziger "gedruckter" Buchstabe zu finden ist. Das machte das Buch für den Verlag und die Druckerei zum Geduldsspiel. Kein Fehler konnte einfach so mit der Tastatur korrigiert werden. Oft wurden ganze Seiten wegen eines Fehlers komplett neu gemalt.

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Den bewussten Umgang mit der Handschrift kann man lernen. Es gibt Kalligrafiekurse, in denen man sich mit verschiedenen Schriftarten beschäftigt, ihre Besonderheiten erkennt und sie in verschiedenen Varianten anzuwenden lernt. Kurse dieser Art bietet zum Beispiel die Katholische Erwachsenenbildung in Amberg an. Dort nahm das Buch seinen Anfang. An einem Kurs von Referentin Brigitte Herrneder, die seit 2007 in Amberg Grundlagen und Möglichkeiten der Kalligrafie vermittelt, nahm eine Interessentin aus Lauterhofen teil und war so begeistert, dass sie die Weichen für einen Kurs in Lauterhofen im Atelier von Malerin Anita Brandt stellte. Dieser Kurs blieb nicht der einzige. Mehrere folgten, die Teilnehmerinnen wechselten, manche kamen immer wieder. Der ersten Euphorie wich bisweilen die Erkenntnis, dass das Üben der Schrift nicht nur Freude, sondern durchaus auch Mühe macht und dass Manches spontan und scheinbar leicht gelingt, aber nicht alles so einfach produzierbar ist, wie man es sich vorstellt.

Mitunter kämpft man auch mit dem verwendeten Material: Die Tinte fließt nicht so gleichmäßig wie erwartet, die Bandzugfeder stellt sich als Hindernis im flüssigen Schreiben heraus, das Blatt erweist sich als zu klein für den gewählten Text oder am Ende der ganzen Anstrengung radiert man die mit Bleistift gezogenen Hilfszeilen zu früh aus und verwischt damit die noch nicht getrockneten Buchstaben. Das ist übrigens ein besonders "beliebter" Fehler, der auch versierten Kalligrafen dann und wann passiert.

Wer sich von diesen gelegentlichen Tiefschlägen jedoch nicht beirren lässt, den belohnt das Durchhalten mit wunderbaren Momenten. Dann glänzt die nasse Tinte auf dem Papier und trocknet geheimnisvoll auf, dass es eine Pracht ist. Dann freut sich zuerst der Schreiber und später der Beschenkte über den besonderen Ausdruck eines persönlich gestalteten Textes.

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Rezepte gestalten

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Auf der Suche nach Übungsmöglichkeiten tauchte irgendwann bei der Gruppe von Brigitte Herrneder die Idee auf, Rezepte zu gestalten. Da war es nur noch ein kleiner Schritt, damit ein Kochbuch herauszubringen, was natürlich mit einem ganzen Berg neuer Probleme und Herausforderungen verbunden war, die da hießen Finanzierung, Marketing, Organisation ... Und vor allem war es wichtig, sich nicht mehr nur an den eigenen Vorstellungen zu orientieren, sondern vor allem an denen des künftigen Kunden. Die Frage, was Andere zu den "schönen" Rezepten sagen würden, hatten sich die Schreiberinnen noch nicht ernsthaft stellen müssen. Würde jemand dafür überhaupt Geld ausgeben?

Die Rezepte sammelten sich schnell und problemlos in einem Ordner an, die Platzierung und Koordination der Seiten übernahm Anita Brandt. Schmuckseiten wechselten sich mit Rezeptseiten ab, eingeteilt in die drei Kapitel Vor-, Haupt- und Nachspeisen. Franz Meier aus Gärmersdorf, ein guter Bekannter, bereitete gemeinsam mit der Gruppe in vielen Abendstunden alle Daten druckfertig auf. Vor gut einem Jahr wurde das Kochbuch im historischen Rathaus in Lauterhofen präsentiert.

Was die Autorinnen nicht für möglich gehalten hatten: Das Buch fand auch überregional Anerkennung, unter anderem in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks und bei Mitarbeitern der Deutschen Presseagentur, die sich mit den Schriftkünstlerinnen trafen, um die Kalligrafie und das Produkt zu beleuchten.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.die-schriftkuenstler.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)12-2014 (6638)
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