Und plötzlich greifen Syrer zu

Noch immer beeindruckt sind Heidi Kuhn und Michael Haas von der plötzlich aufgetretenen Hilfsbereitschaft, die sie in dieser Woche von sieben Syrern erfahren durften. Bild: wku
Lokales
Deutschland und die Welt
20.11.2015
4104
0

Heidi Kuhn (64) trägt bereits elf Stents wegen ihrer Herzprobleme in sich, ihr Lebensgefährte Michael Haas (50) hat die dritte schwerwiegende Bandscheiben-Operation hinter sich. Dann werden zu Wochenbeginn zehn Ster Brennholz abgekippt - viel körperliche Arbeit für das gesundheitlich angeschlagene Paar in Königstein. Plötzlich kommen sieben junge Syrer.

Mit dem Abstand einiger Tage können es Heidi Kuhn und Michael Haas noch immer nicht ganz fassen, was ihnen nach einem leidgeprüften Jahr nun widerfahren ist. Und dass beide gegenüber Flüchtlingen eine eher skeptische Meinung hatten, damit halten sie nicht hinter dem Berg. Mit dem Tag der Holzlieferung verwandelt sich ihr Bild ins glatte Gegenteil. Stunden über Stunden hätte es gedauert, ein Tag vielleicht gar nicht gereicht, bis das Paar die Scheite in die Garage geräumt und aufgeschlichtet hätte. Dann radeln völlig unvermittelt vier Männer daher. Syrer, wie sich herausstellt. Untergebracht im nahen Ex-Golf-Hotel in Namsreuth, heute ein Flüchtlingsquartier. Die Männer halten, bieten Hilfe an. Rasch wandert das Heizmaterial von einer Hand zur anderen, langsam wächst der Holzstoß in der Garage, der Haufen draußen wird kleiner. Noch fixer geht's, als wenig später drei Landsleute der Flüchtlinge hinzukommen, die zu Fuß unterwegs sind.

"Einer hat seine Freunde immer wieder angetrieben, noch schneller zu arbeiten", erinnert sich Heidi Kuhn. Bald ist die gesamte Fuhre verräumt. Da greifen die Burschen noch zum Besen und beseitigen die verbliebenen Reste. Alles picobello sauber: "So etwas habe ich noch nicht erlebt", macht die bei ZF in Auerbach tätige Frau aus ihrem Staunen keinen Hehl.

Als sie und ihr Lebensfährte sich dankbar zeigen und den Helfern 50 Euro aushändigen wollen, kommt die nächste Überraschung: "Nix money, nix money, kein Geld", schallt es siebenfach wie aus einem Mund. Auch der Versuch, sich mit Kleidung für die Unterstützung zu revanchieren, scheitert. "Deshalb wollte ich den Fußgängern ein Rad schenken", schildert Heidi Kuhn den weiteren Hergang. Doch auch das lehnen die Asylbewerber ab - und verabschieden sich freundlich.

Nahezu fassungslos sehen Heidi Kuhn und der bei ZF in Nürnberg arbeitende Michael Haas sich in die Augen, sie gehen in die Küche, setzen sich: "Dann haben wir regelrecht geheult", bekennt die Frau. Geweint angesichts der erlebten Hilfsbereitschaft - von Menschen, die dafür nichts nehmen wollen, sondern dem für sie bis dahin völlig fremden Paar aus der Hauptstraße zu ihrem Motiv stets nur geantwortet haben: "Wir sind alle Nachbarn und Nachbarn müssen sich doch helfen."

Für die Frau aber steht fest, wenn sie im Frühjahr in den Ruhestand tritt, "werde ich mich um Flüchtlinge kümmern".
Weitere Beiträge zu den Themen: Königstein (2039)November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.