...und wie man es löst oder: Was kommt unter die Fußmatte?
Ein Dilemma ...

Aus beruflichen Gründen habe ich mehrere Jahre mit meiner Familie in einem sogenannten Schwellenland gelebt. Weil dessen Bewohner besonders sensibel reagieren, wenn man ihnen kleine Mängel vorhält, zum Beispiel eine traditionell akzeptierte Bestechlichkeit, muss ich den Namen dieses schönen und stolzen Landes für mich behalten.

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Bammel vor dem Prüfer

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Mit der besagten Bestechlichkeit wurde ich an dem Tag konfrontiert, an dem mein Sohn und meine Tochter die praktische Fahrschulprüfung ablegen sollten. Alteingesessene Deutsche wiesen mich darauf hin, dass man tunlichst einen großen Geldschein unter die Fußmatte auf der Beifahrerseite so schieben sollte, dass der Rand der Banknote deutlich zu sehen war. "Sonst fallen Ihre Kinder durch." Doch ebenso eindringlich warnte mich einer seiner Kollegen: "Tun Sie das bloß nicht. Denn dann merkt der einheimische Prüfer erst richtig, dass Sie ihn für bestechlich halten. Lassen Sie also die Fußmatte in Ruhe."

Was tun? Ich stand vor einem wirklichen Dilemma. Etwas verzweifelt versuchte ich, mich an meinen Griechisch-Unterricht zu erinnern. Oberstudienrat Gärtner hatte uns auf sein Fach "Appetit" gemacht mit den Worten: "Ihr werdet viele Fremdwörter verstehen, die hellenischen Ursprungs sind und die andere Menschen nicht kennen. Ihr dürft sie aber nicht zu oft verwenden, sonst wird man euch als Streber und Angeber ansehen.

Einer dieser ins Deutsche übernommenen Begriffe ist das Wort Dilemma. Es bedeutet eine Zwangslage, in der man zwischen zwei Lösungen entscheiden muss, die beide unbefriedigend sind." Im Unterricht hatten wir dann nach Beispielen gesucht. Ich erinnere mich nur noch an das Wortpaar "Pest und Cholera" und natürlich an Skylla und Charybdis. Denn dieses Ungeheuer durfte von jedem vorbeifahrenden Schiff bis zu sechs Seeleute verspeisen.

Auf dem Heimweg im Schulbus waren wir dank der Pubertät, die uns bereits fest gepackt hatte, kreativer. Meine Freunde und ich fanden bald heraus, dass wir alle drei ein viel größeres Dilemma hatten: Horst konnte sich nicht zwischen Emma und Beate entscheiden. Manfred schwankte zwischen Gila und Barbara, und zu meinem ganz persönlichen Dilemma gehörten Gudrun und Adelheid.

Doch diese Erinnerungen halfen mir bei meinem aktuellen Fahrprüfungsdilemma überhaupt nicht. Stattdessen diskutierte ich die Risiken und Chancen mit den Hauptbetroffenen, mit meiner Tochter Melanie und meinem Sohn Tom. Das Ergebnis verkündete ich abends stolz meinen beiden alteingesessenen Ratgebern: "Beide haben bestanden!" "Wir gratulieren! Aber wie hast du das geschafft?"

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Guter Kompromiss

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"Ganz einfach: Melanie habe ich geraten, nur ihren bereits ausgeprägten weiblichen Charme spielen zu lassen und nichts unter der Fußmatte zu deponieren. Tom dagegen, der ja so undiplomatisch wie ich ist, hat es geschafft, weil er nicht nur 'seinen', sondern auch den für Melanie vorgesehenen Geldschein gut sichtbar am Fußmattenrand platziert hat." Bei unser kleinen Familienfeier dachte ich einen Moment an meinen verehrten Griechischlehrer. Er wäre sicher mit mir zufrieden gewesen, wie sich sein Unterricht in der Praxis bewährt hatte - zumindest in diesem Fall.
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