"Unrecht an Minderheit"

70 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen beleuchtete Walther Hermann, Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, bei einem Vortrag die Hintergründe zu diesem speziellen Thema. Bild: do

Zu den vier Stämmen Bayerns zählen sie, sagt Walter Hermann. "Zu Altbayern, Franken und Schwaben kamen nach 1945 die Sudetendeutschen." Für ihre neue Heimat leisteten die "Neubayern" einen wesentlichen Beitrag zum "Wir"-Gefühl im Freistaat. Auch in Eschenbach. Über Impulse in der Rußweiherstadt ging ein Vortrag bei der Volkshochschule.

Als nach der Kapitulation der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs die Waffen schwiegen, begann für Deutschland der Tragödie zweiter Teil, die als wohl größte Vertreibung der Menschheitsgeschichte bezeichnet werden müsse. Viele Millionen Menschen mussten flüchten, wurden aus ihrer Heimat vertrieben. 15 Millionen Deutsche waren betroffen, darunter mehr als drei Millionen Sudetendeutsche.

Sie kamen in ein zerstörtes und armes Land, das meist nicht einmal der eingesessenen Bevölkerung hinreichend Unterkunft, Nahrung oder gar Arbeit geben konnte. In Bayern waren es vor allem die Sudetendeutschen, die nun heimatlos, in Güterzüge gepfercht oder mit Pferdefuhrwerken durch die Grenzdurchgangsstellen rollten oder zu Fuß vor dem Terror flüchteten. In Lagern verteilt oder in Einzelunterkünfte meist zwangsweise eingewiesen, war jeder Neuanfang mit Tragik verbunden.

Blick auf Vorgeschichte

Vor diesem Hintergrund begann der Vortrag Walther Hermanns mit einer Betrachtung der Vorgeschichte der Sudetendeutschen in den Kulturräumen Böhmens, Mährens und Mährisch-Schlesiens. Der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft schilderte den schleichenden Prozess der "Slawisierung" Mitte des 19. Jahrhunderts und beginnender Schikanen gegenüber der deutschen Bevölkerung. Mit dem Zerfall der Donaumonarchie, der Niederlage des Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg und der Gründung der tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 wurden die Grundrechte der Deutschen beschnitten.

"Die folgenden zwei Jahrzehnte waren erfüllt von einer Kette von Unrechtshandlungen an der Minderheit der Sudetendeutschen", zitierte der Redner aus einer Dokumentation. Die Schließung sudetendeutscher Unternehmen, zahlreicher deutscher Volksschulen und vieler Klöster und Kirchen führten zu einem wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Exodus, von dem sich selbst die Siegermächte des Ersten Weltkrieges distanzierten und das Selbstbestimmungsrecht für die deutsche Minderheit forderten. Mit dem Kapitel "Vertreibung und Flucht" beleuchtete Walther Hermann aus seiner Sicht das zentrale Thema des Abends. Es war ein Blick auf das Ende des Zweiten Weltkrieges mit Vergeltung, Internierung, Folter und Rache gegenüber der deutschen Bevölkerung im Sudetenland.

Der SL-Vorsitzende sprach von einer "grausamen tschechischen Nachkriegsjustiz und schweren Misshandlungen durch einen fanatisierten Mob". Hermann verwies auf bedrückende Aufzeichnungen von Augenzeugen und zitierte aus Protokollen "über die sadistischen Gräueltaten tschechischer Zivilisten, von Prügelszenen und von Mord und Totschlag durch tschechische Wachmannschaften." Nur wenige Monate später begann für die Flüchtlinge der zweite Teil der Tragödie mit der "größten Vertreibung der Menschheitsgeschichte". Hermann schilderte aus Kindheitstagen den Beginn der Vertriebenentransporte. Häufig beschlagnahmte man den nun Heimatlosen noch das letzte wertvolle Kleidungsstück, vor allem bei denjenigen, denen man unterstellte, das Höchstgewicht des Ausreisegepäcks von 30, später 50 Kilogramm zu überschreiten. Hermann bilanzierte die Zahl direkter oder indirekter Opfer der tschechischen Vergeltungs- und Vertreibungspolitik auf rund 3,4 Millionen Menschen in den böhmischen, mährischen und slowakischen Gebieten.

Ankunft der Flüchtlinge

Schließlich widmete sich der Vorsitzende der Ankunft der Flüchtlinge in Eschenbach, deren Integration und als Schlusspunkt den Aufbauleistungen der "Neubayern". Noch gut erinnert sich der damals Sechsjährige Walther an das Eintreffen in Eschenbach am 6. März 1946. In Begleitung des Flüchtlingskommissars auf Wohnungssuche reichte die Skala einheimischer "Mitleidsbekundungen" von der groben Aufforderung zur Rückkehr in die alte Heimat bis zu wenigen Hilfsangeboten.

Als Erstquartiere dienten das Lager des Reichsarbeitsdienstes, der Höller-Saal oder die Volksschule. Aber auch manche Vertriebene bekundeten ob der ärmlichen Gesamtsituation in Eschenbach: "Wo sind wir hier gelandet"? Hermann berichtete von Konfliktsituationen in allen Lebensbereichen. Auch abwertende Bemerkungen selbst von kirchlicher Seite seien nicht ausgeblieben.

Zeichen der Hilfsbereitschaft

Aber es gab alsbald auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Hermann erzählte von einer Willkommenskultur, die nach anfänglicher Abneigung, bedingt aus Sorge um die wenigen Arbeitsplätze im ländlich strukturierten Eschenbach, entstanden sei. Versuche örtlicher Kommunalpolitiker, mit den Neuankömmlingen, dem anerkannt hohen Bildungsniveau als Chance und ihrem handwerklichen Können als Grundlage neue Industrien anzusiedeln, seien leider gescheitert.

Dennoch habe die Dynamik sudetendeutscher Unternehmer und deren Fleiß in der neuen Heimat bald Früchte getragen. Schließlich widmete sich Hermann der Bereicherung des Bildungswesens durch die Sudetendeutschen in Eschenbach, deren Aktivitäten im wirtschaftlichen Bereich und der Beteiligung am kulturellen und öffentlichen Leben der Stadt. Hermann betonte: "Das ausgeprägte Schulwesen der Rußweiherstadt ist sudetendeutschen Pädagogen zu verdanken." Er erinnerte an den Aufbau einer privaten Realschule mit Otto Bogendörfer und dem Ehepaar Edmund und Dr. Elfriede Langhans als Mitbegründer. Als Triebfedern zur Gründung einer privaten Handelsschule bezeichnete Hermann die Schulleiter Erhard Engel und Dr. Viktor Kuntschik. Zu den weiteren sudetendeutschen "Kulturträgern" zählte er Dipl.Ing. Franz Sponer, Leiter des Vermessungsamtes, Dr. Franz Rudolf, Chefjurist beim Landratsamt und Mitinitiator der Volkshochschule und die Schulleiter Karl Hager, Karl Hübl, Leopold Kies und weitere Pädagogen.

Gerechtigkeit schafft Frieden

Im musikalischen Bereich verwies Hermann beispielhaft auf Heinrich Kern, langjähriger Leiter der Stadtkapelle. Auch an Mediziner mit sudetendeutscher Herkunft erinnerte der Referent. Seinen Vortrag beendete Walther Hermann mit einer Feststellung von Seff Heil, Volkstumspfleger des historischen Egerlandes: "Nur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit schaffen Frieden".

VHS-Geschäftsführerin Angelika Denk dankte dem Referenten und den vielen Besuchern. Eine ähnliche Situation sah die VHS-Vertreterin mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingswelle. Aus persönlichen Begegnungen mit Asylbewerbern habe sie den Eindruck gewonnen : "Die Dankbarkeit der Flüchtlinge bereichert das persönliche Leben". Aus dieser Erfahrung heraus appellierte Angelika Denk an die Besucher, die ehrenamtliche Tätigkeit des Asylkreises zu unterstützen.
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