Unternehmer Horst Linn (70) ist seit 40 Jahren in Osteuropa unterwegs: "Westen soll auf ...
"Menschen verstehen nicht, wie Russland tickt"

Horst Linn. Bild: räd
(räd) Der Umgangston zwischen dem Westen und Russland wird immer rauher. Völlig unangebracht, findet Horst Linn (70). Er ist Chef von "Linn High Term" in Eschenfelden (Kreis Amberg-Sulzbach). Linn produziert Spezialöfen für Labore und Industrie - und verkauft sie auch nach Russland. Seit mehr als 40 Jahren pflegt er geschäftliche und freundschaftliche Kontakte dorthin.

Die angespannte politische Situation kostet Linn viel Geld. "Wir haben die letzten sechs Monate drei Millionen Euro Umsatz verloren", sagt er. Für die Lieferung von Titangussöfen bekommt er nämlich derzeit vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) in Eschborn keine Export-Genehmigung mehr. Dabei ist der russische Markt für Linn lebenswichtig, sagt er. "Uns fehlt ein Viertel vom Umsatz."

Das Land besser verstehen

Horst Linn ist verärgert. Aber nicht nur wegen der "Repressalien" aus Berlin und Eschborn, wie er sagt. Sondern auch wegen des Umgangs vieler Politiker und Medien mit Russland und Präsident Wladimir Putin. Doch wie konnte es so weit kommen? Die Ursachen sind seiner Meinung nach vielfältig: Viele Menschen im Westen würden nicht verstehen, wie Russland "tickt". Linn schließt hier ausdrücklich die Bundesregierung ein. Insbesondere ehemalige DDR-Bürger seien russlandkritisch und USA-freundlich eingestellt. "Was mich erschreckt, dass viele Leute unterwegs sind, die dafür sind, dass Deutschland einen Krieg führt. Ich kann das nicht mittragen", betont Linn. Er appelliert an die Deutschen, das Land besser zu verstehen. "Seit dem Mauerfall haben wir versucht, uns Russland anzunähern." Mit den falschen Mitteln, wie er meint. Der Westen habe seinen Einflussbereich bis vor die Grenzen Russlands ausgedehnt. "Amerika und die Nato haben einen Waffengürtel um Russland gezogen", sagt Linn. "Wenn ich mir die Landkarte Russlands ansehe, dann würde mir auch Angst werden." Und dann ist da noch die Wiedervereinigung. Sie werde in Deutschland oft als große Leistung von Ex-Bundes-kanzler Helmut Kohl dargestellt. "Doch er hat doch am wenigsten beigetragen. Das stinkt jungen Russen. Die sagen: ,Ihr Deutschen seid so arrogant geworden.'" Ohne die Zustimmung der Sowjetunion hätte es nämlich keine Wiedervereinigung gegeben, erklärt der 70-Jährige.

Aussagen, die man vielleicht Alt-Kommunisten zuschreiben würde. Falsch. "Vor allem junge Leute wollen ein starkes Russland sehen", erklärt Linn. Zwar wüssten sie, dass Russland weit weg ist von einer Demokratie westeuropäischer Prägung. "Aber sie haben wieder ein Russland-Bild, ein Vaterland-Bild. Und sie sagen: ,Die Welt kriegt wieder Respekt vor Russland.'" All das verbinden sie mit Putin. Linn verbringt jährlich viele Wochen in Russland. "Ich gehe nicht in Fünf-Sterne-Hotels, sondern in ganz normale Hotels und Gaststätten." Dabei hat er festgestellt, dass sich viel verändert hat. "Sie sehen es auf der Straße." Die "uferlose Sauferei hat sich mindestens halbiert" - und nicht weil der Geheimdienst die Leute von der Straße geholt, sondern weil sich ein spürbarer Wandel vollzogen habe. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen fordert Linn: "Man muss mehr auf die Wirtschaft hören, um zu verstehen, was in dem Land los ist." Viele der Experte, die sich nun öffentlich äußerten, lebten von selbst ernanntem Ost-Expertentum und von strategischen Analysen des Bundesnachrichtendienstes.

Baltikum als Vorbild

Es wäre ein Leichtes, die Probleme in der Ukraine zu lösen. "Schenkt Putin die Krim. Die war schon immer russisch", fordert Linn. Die Wegerechte ließen sich regeln wie im Baltikum, wo die russische Exklave Kaliningrad auch erreichbar ist. Überhaupt die baltischen Staaten. Bei deren Ablösung seien ja auch Lösungen und Kompromisse gefunden worden. "Da gibt's heute ein relativ friedliches Auskommen zwischen Russen und Balten." In Litauen und Estland etwa lebten viele Russen. Der Westen solle auch mit Putin "freundlich reden" und die Sanktionen beenden. Diese schaden nicht nur Russland, sondern auch vielen deutschen Unternehmen. "Wir kriegen keine Anfragen aus Russland mehr, weil die wissen, dass wir keine Ausfuhrgenehmigungen mehr erhalten." Linn muss deshalb in Teilen seiner Werke Kurzarbeit fahren. Unter Umständen drohen auch Entlassungen. Währenddessen aber belieferten Wettbewerber aus Frankreich und Tschechien kontrollpflichtige Kunden.

Seit Januar wartete Linn auf die Genehmigung, einen Titangussofen nach Russland zu liefern. Mit diesem sollen dort Fahrwerksteile für kleine Passagier-Jets gefertigt werden. Unter Verweis auf die Ukraine-Krise habe Linn bis heute keine Export-Erlaubnis bekommen, obwohl alle Nachweise schon 2013 beigebracht worden seien und zwei gleiche Maschinen sogar schon nach Russland geliefert worden seien. Inzwischen liege immerhin die Genehmigung vor. Doch die durch die Verzögerung entstandenen Kosten blieben am Unternehmen hängen.

Noch mehr ärgert sich Linn darüber, dass die USA ihre Exporte nach Russland um 22 Prozent gesteigert hätten. Selbst China, Indien und Japan könnten ihre Marktanteile ausbauen. Sollte sich die Situation schnell entspannen, dürfte es nach Einschätzung Linns zwei bis drei Jahre dauern, bis "wir wieder auf dem alten Stand sind".
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