Unvorstellbar grausam

In der Einrichtung für Behinderte in Michelfeld herrschte in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945 das Grauen. Viele wurden in der Nazizeit durch die sogenannte Euthanasie in den Tod getrieben.

Die Einheimischen wussten darüber Bescheid und die noch lebenden von ihnen stellen sich die Frage, warum nach bis jetzt 70 Jahren des Geschehens immer noch kein Gedenkstein oder wenigstens eine Erinnerung an die Ermordeten hinweist.

Arbeitskreis gebildet

Mit dem Historiker Dr. Norbert Aas hat sich seit zwei Jahren ein Arbeitskreis gebildet, um Nachforschungen anzustellen, was mit den psychisch- kranken Bewohnern von der Michelfelder Anstalt geschah. Die bisherigen Ermittlungen haben schon einiges ans Tageslicht gebracht und so konnte nun die Öffentlichkeit zu einem Aktionstag eingeladen werden.

In den Räumen der Werkstätte begrüßte Diplompädagoge Florian Webert die Gäste. Der Bereichsleiter bei Regens Wagner Michelfeld bedankte sich zugleich beim Förderverein für die Unterstützung des Workshops sowie beim Werkstattleiter Matthias Fiedler, der die Räume für dieses Treffen zur Verfügung stellte.

Historiker Norbert Aas wies in seinem Vortrag darauf hin, dass der Ausbruch des Krieges auch schon eine Todeserklärung gegen Kranke und Behinderte zum Inhalt hatte. "Unheilbar Kranken kann der Gnadentod gewährt werden", hieß es in einem Aufruf an die Ärzte.

Im gesamten deutschen Reich wurde ermittelt, wo psychisch Kranke sich in Heimen befanden. Es wurden Transportlisten erstellt und den Anstalten die entsprechenden Arbeiten zugeteilt. Kirchliche Einrichtungen stellten sich dem Töten gegenüber, aber ohne Erfolg. "Dafür wurde in die Gastanstalten investiert." Kranke, die zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt wurden und nicht registriert waren, überlebten zum großen Teil dieses Chaos.

"Den Kranken wurden todbringende Medikamente verabreicht, teils ließ man sie verhungern und viele von ihnen wurden vergast. Bei erfundenen Todesursachen wurden die Leichen im Krematorium verbrannt. Brieflich wurden die Angehörigen der Getöteten mit Scheinheiligkeit und Heuchelei getröstet", wusste Historiker Aas zu berichten.

Aas kümmerte sich auch um die damaligen Zustände, das Michelfelder Pflegeheim betreffend. So nahm er sich vor einigen Monaten auch die Zeit, mit hiesigen Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und Informationen zu sammeln. Zwei von ihnen konnten sich an kleinere Abtransporte erinnern, die im Klosterhof stattfanden.

Eine Augenzeugin wird den 27. September 1941 in ihrem Leben nie vergessen. Es war an einem Sonntag gegen 9 Uhr in der Früh. Die damals 13-Jährige war mit ihrem Vater auf dem Weg zum Gottesdienst. Da standen vor dem Tor nahe der Prüllwiese zwei große braune Militärbusse. Die Behinderten mussten ihren Todesweg antreten. Das war grausam. Sie hängten sich an die Schwestern und schrien "Mama! Mama!" 220 Bewohnerinnen kamen damals nach Regensburg. 65 davon nach Erlangen, 50 nach Ursberg. Die Gesamtzahl der Personen wird mit 335 beziffert. Bereits am 1. Oktober 1941 wurde ein Lazarett im Kloster eingerichtet und somit musste Platz geschaffen werden für verwundete und kranke Soldaten. "Man muss sich bei diesen Zuständen in die Situation der Klosterfrauen hineindenken. Auf der einen Seite mussten diese Sorge tragen für ihre Anvertrauten und auf der anderen Seite waren sie machtlos", sagte Aas.

Die Schwestern lebten selbst in der Angst, einmal abgeführt zu werden. Eine von ihnen erzählte später einmal, dass sie im Refektorium einige Bretter entfernten, um ihre Zivilkleider zu verstecken, die sie benutzen würden, wenn auch eventuell sie selbst vertrieben werden.

Gedenkorte als Mahnung

Der Arbeitskreis arbeitet derzeit auch daran Gedenkorte an zehn Stationen als Mahnmal für die ehemaligen Bewohnerinnen des Heimes, die so unglücklich sterben mussten, innerhalb des Franziskusweges zu widmen. An maximal 30 Holzblöcken soll an diese dunkle Vergangenheit berichtet werden.
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