Vater verschollen

Es gibt nur ein Familienbild: Es zeigt "Wernerle" (2) auf dem Schoß seiner Mutter Anna. Dahinter steht Vater Karl Kraus, 30-jähriger Metzger auf Heimaturlaub von der Ostfront. Werner Kraus (heute 75) kann sich an den Vater nur vage erinnern: "Ein Mann in Uniform, der die Treppe zu unserer Wohnung in Grafenwöhr hochkommt. Aber kein Gesicht dazu."

Pirk/Grafenwöhr. Er sollte seinen Vater nie wieder sehen. Auch wenn Mutter Anna Kraus bis in die 80er Jahre, ja bis zu ihrem Tod 1990, fest an eine Heimkehr glaubte. Im November 1943 hat die Frau die Vermisstenmeldung bekommen: Das Wehrkreiskommando erklärt den Gefreiten nach den Kämpfen um Stalingrad als vermisst. In unzähligen Briefen sucht die gebürtige Leuchtenbergerin verzweifelt nach ihrem Mann. Er selbst, der von der Ostfront regelmäßig Feldpostbriefe geschrieben hat, kann sich nicht mehr melden: Den deutschen Gefangenen in Russland wird nicht ermöglicht, nach Hause zu schreiben. Die Genfer Konventionen gelten hier nicht.

Anna Kraus, 2500 Kilometer westlich, ist hartnäckig. Sie sucht gezielt nach Heimkehrern mit der gleichen Feldpostnummer 19 909. Sie tauscht mit Frauen in gleicher Lage Adressen aus. Und natürlich bemüht sie Ämter und den Suchdienst des Roten Kreuzes. Diesen Schriftverkehr steckt sie in eine Aktentasche.

Diese Dokumentenmappe hat Sohn Werner nun entstaubt, sortiert und in einem Buch "Krieg und Leid" über das Schicksal seiner Familie für nachkommende Generationen gesichert. Er macht das aus nur einem Grund: "Die Erinnerung kann helfen, dass Menschen und Völker die Einbahnstraße des Kämpfens gegeneinander nicht mehr gehen. Damit wäre viel erreicht, und Leid und Tränen wären nicht vergeblich."

Seine Eltern lernten sich im Grafenwöhrer Militärgasthaus kennen - er war Metzger, sie Beiköchin - und heirateten 1938. 1940 kam der Sohn zur Welt, zeitgleich wird der Papa einzogen. Es existieren Fotos, die Karl Kraus aus Sassenreuth bei Kirchenthumbach beim Fronteinsatz zeigen. Ein g'standner Oberpfälzer, der erst noch als Metzger gebraucht wird. Auf einem anderen Schwarz-Weiß-Bild steht er an der Flak.

Im Kessel von Stalingrad

Puzzlestück um Puzzlestück rekonstruiert Anna Kraus den Weg ihres Mannes im fernen Russland. Und sie kommt erstaunlich gut voran. Eine erste Quelle ist Unteroffizier Ernst Enderl, der ihr aus dem Lazarett schreibt: "Karl war wie ein Bruder zu mir, wir beide haben uns tapfer geschlagen. Manchmal waren wir nur noch alleine am Geschütz gestanden, wir haben immer miteinander geschlafen und die Erde zitterte von Trommelfeuer, aber wir haben den Mut nicht sinken lassen."

Enderl beschreibt den Schicksalstag, den 12. Januar 1943, im Kessel von Stalingrad, nachmittags um 15 Uhr. "Wir beide standen bis zum letzten Mann am Geschütz, es hat uns zur gleichen Zeit erwischt. Ich brach zusammen, Karl schleppte mich zum Bunker, dann sagte er, es hat ihn ganz leicht am Bauch erwischt." Verwundete werden auf Lastautos verladen und fallen in "Russenhände". Enderl trifft Karl Kraus nicht wieder.

Dialekt hilft bei Suche

Aber die Spur lässt sich weiterverfolgen. Es gelingt Anna Kraus, Kontakt zu dem Offenburger Andreas Eggs herzustellen, einem ehemaligen Kameraden der 6. Armee. Der schreibt: "Ich kenn Ihren Ehegatten sehr gut. Er wurde verwundet, aber schlimm war es nicht. Am 30.1.1943 kam ich mit ihm in Gefangenschaft."

Ausgerechnet der unverwechselbare Oberpfälzer Dialekt des Vermissten führt seine Frau auf die entscheidende Spur. Im November 1945 antwortet der Nürnberger Soldat Andreas Bittl auf ihre Nachfrage: "Ich war im Lager in Wolsk an der Wolga, da hörte ich einmal, wie sich 2 Kameraden unterhielten und zwar im bayerischen Dialekt. Der eine war aus München. Zum zweiten sagte ich, deine Sprache kommt mir ziemlich bekannt vor. Er sagte: Ich bin aus Sassenreuth."

Bomben auf Grafenwöhr

Bittl liefert wichtige Informationen: "Solange ich mit Karl beisammen war, kann ich Ihnen nur mitteilen, dass er immer gesund und wohlauf war. Anfang 1944 bekam er noch einen guten Posten im Lager und wurde Putzer beim Bataillonsführer. Er brauchte nicht mehr mit auf die Arbeit gehen, kurz gesagt, er hatte ein prima Leben. Er sagte schon immer zu mir, also Andreas, wenn wir einmal nach Hause kommen, dann besuchst du mich einmal." Bittl erleidet eine Rippenfellentzündung - der er die Heimreise auf einem Transportzug verdankt. Er wünscht: "Kopf hoch und den Mut nicht sinken lassen, dann wird auch eines Tages Ihr Mann eine glückliche Heimkehr finden."

Es sind aufmunternde Briefe wie dieser, die Annas Hoffnung hochhalten. Inzwischen lebt sie nicht mehr in Grafenwöhr, sondern daheim bei den Eltern in Leuchtenberg. Grafenwöhr hat zum Kriegsende ein verheerendes Bombardement erfahren. Als Truppenübungsplatz ist es bevorzugtes Ziel. An diese Tage hat Werner Kraus noch lebhafte Erinnerungen. Er war damals fünf Jahre alt. "Als Kind hatte ich mal gesagt: Ich will einmal ein großes Feuer sehen. Grafenwöhr hat zwei Wochen gebrannt. Ich wollte nie wieder ein Feuer."

Die Nachbarn des Thumbachwegs werfen die kleinen Kinder in einem Wäldchen hinter dem heutigen Feuerwehrhaus bei den Luftangriffen in ein Einmann-Deckungsloch: eine ausgehobene Grube von einem Kubikmeter. Werner Kraus sieht, wie aus dem Lager Sanitätshelfer fliehen. Durch ihre weiße Kleidung geben sie hervorragende Ziele ab: "Die Tiefflieger hielten auf jeden drauf." Als Kind verkriecht er sich noch lange nach dem Krieg unter dem Tisch, wenn er Flugzeugmotoren hört.

Bei den Sassenreuther Eltern des Vermissten rührt sich im Oktober 1945 ein Heimkehrer, der "Grüße bestellen" soll. Darüber jubelt Annas Schwager aus Grafenwöhr in einem Brief: "Damit hast Du, liebe Schwester, endlich die langersehnte Nachricht!" Zu dieser Zeit war Karl Kraus schon über ein Jahr tot.

Aber noch 1951 meldet sich mit Xaver Baumeister ein Spätheimkehrer, der Karl Kraus im Bolschewik-Lager in Wolsk kennengelernt hat. Der Eichstätter schreibt: "Ich habe mich sehr viel mit ihm unterhalten und des öfteren über unsere familiären Verhältnisse geplaudert." Auch Adressen habe man ausgetauscht. Allerdings weist Baumeister daraufhin, dass "der Russe" den Gefangenen "jeden erdenklichen Fetzen Papier, den er als Adresse vermutete, abgenommen und jeden so gedächtnisschwach gemacht hat, dass man sich nicht mehr an alles erinnern kann". Und trotzdem hat der Spätheimkehrer aus Eichstätt die Adresse der Familie Kraus in Grafenwöhr noch im Kopf - nach acht Jahren!

Bis 1955 Heimkehrer

Jahr um Jahr vergeht ohne ein Lebenszeichen des Verschollenen. 1950 wird der Bruder von Anna Kraus in Leuchtenberg begeistert von der Blaskapelle begrüßt. Bis 1955 kehren Kriegsgefangene heim. Nur von Karl: kein Lebenszeichen. Die Weihnachtsfeste gehen in der Verzweiflung der Mutter unter. "Sie war eine starke Frau, aber das hat sie nicht geschafft: dass sie die Trauer an einem dieser Tränentage zurückhält." Anna Kraus heiratet nicht wieder. "Sie hat ein Leben lang mit ihrer Hoffnung gelebt", sagt ihr Sohn. "Sie vertraute auf Gott und behauptete stets, sie fühle, dass Papa noch am Leben sei."

1985 schickt das Rote Kreuz eine Bilanz der Nachforschungen. Von den 3,2 Millionen deutschen Kriegsgefangenen in Russland habe eine hohe Zahl nicht überlebt: "Es wird der Schluss gezogen, dass auch Ihr Angehöriger zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs erklärt werden muss."

1994: die Todesnachricht

1990 stirbt Anna Kraus. 1994 bekommt Werner Kraus noch einmal Post vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Der Brief ist adressiert an die verstorbene Mutter. "Wir bedauern, Ihnen eine schmerzliche Nachricht übermitteln zu müssen." Nachdem die GUS-Staaten ihre Archivbestände geöffnet hätten, finde sich unter den Meldungen über tote Kriegsgefangene: "Kraus Karl, geboren 1912, Name des Vaters Johann, Lager Wolsk no. Saratow, verstorben am 19.7.1944".

Woran der 32-Jährige letztlich gestorben ist - das wird aus der Notiz nicht ersichtlich. Es gibt auch keinen Hinweis auf ein Grab. Werner Kraus ist im Rückblick froh, dass seine Mutter die endgültige Todesnachricht nicht mehr erleben musste: "Die größte Enttäuschung des Lebens blieb ihr erspart."

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In seinem Buch "Krieg und Leid" hat Werner Kraus Fotos und Briefe gesammelt, aus denen in diesem Text zitiert wird. Das Werk soll dem Heimat- und Militärmuseum Grafenwöhr zur Verfügung gestellt werden.
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