"Verkehrstote kein Kulturgut"

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) trinkt fast jeder Erwachsene Alkohol. 96,4 Prozent der Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren, um genau zu sein. Die DHS widmet dem Thema deshalb eine Aktionswoche unter dem Motto "Alkohol? Weniger ist besser!".

Redakteur Christopher Dotzler sprach mit Dr. Heribert Fleischmann, DHS-Vorsitzender und Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Wöllershof.

Sommerzeit ist die Zeit der Feste - ohne Alkohol geht bei vielen nichts, oder?

Niemand will eine Spaßbremse sein. Alkohol enthemmt in niedrigen Dosen, der Langweiler wird gesprächig, der Schüchterne mutig, der Schwerfällige spritzig, der Missmutige lustig. Aus dem Alltagstrott wird Feierlaune. Es geht aber auch ohne Alkohol.

Wo hört der Spaß auf?

Es gibt mehrere Gründe: Wenn Rauschtrinken der Hauptzweck des Festes ist, der Jugendschutz nicht beachtet wird, Jugendliche und alte Herren zum Komasaufen antreten, Randale geduldet werden, sich geprügelt wird oder betrunken heimgefahren wird.

Wer ist besonders gefährdet?

Wer viel verträgt und als trinkfest gilt, weil er keine natürliche "Trinkbremse" hat, wer Alkohol braucht, um gesellig sein zu können, wer auf Alkohol besonders enthemmt reagiert und zu Aggressivität neigt und wer gleichzeitig Medikamente einnimmt.

Es gibt sicherlich Regeln, an die sich jeder halten sollte. Was sind ihre Tipps?

Rauschtrinken muss tabu sein. Niemand sollte täglich trinken. Es sollten wenigstens zwei, besser mehr alkoholfreie Tage pro Woche einlegt werden. In der Schwangerschaft muss auf Alkohol verzichtet werden. Im Straßenverkehr gilt es, grundsätzlich mit 0.0 Promille unterwegs zu sein.

Wie steht es ums Zoiglbier?

Auch hier gilt: "Weniger ist besser", entsprechend dem Motto der DHS-Aktionswoche. Eine Halbe ist optimal. Zum Vergleich: Man isst ja auch nicht zwei oder drei Portionen Schweinshaxen und nennt das Genuss.

Vielen gilt Alkohol als Kulturgut? Wie sehen Sie das?

Das trifft zu, wenn er traditionell als Wein angebaut und als Bier gebraut und nicht industriell produziert wird. Und wenn er genussvoll im passenden Ambiente zelebriert wird, zum Beispiel zu gutem regionalen Essen oder zum geselligen Beisammensein. Kein Kulturgut sind alkoholbedingte Verkehrstote, verprügelte Frauen und Kinder, Suizide, Gewaltverbrechen, Abhängigkeit und die vielen damit verbundenen Krankheiten, einschließlich der abgestorbenen Gehirnzellen. (Angemerkt/Hintergrund)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.aktionswoche-alkohol.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Fleischmann (7)Juni 2015 (7772)
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