Verschwimmende Linien

Hier entstehen Flussgeister aus Eichenstämmen. Mit der Motorsäge schneidet sich Stefan Link das Holz für seine Skulpturen zurecht.
 
Die renaturierte Vils-Aue in der Nähe der Vilsecker Altstadt ist ein schöner Ort zum Entspannen. Ab Sonntag, 19. Juli, können Spaziergänger und Radfahrer dort auch Kunst genießen. Bilder: Gerhard Götz
 
Albert Braun hat sich für seine Skulptur von der Geschichte über Lola Montez und Elias Peißner inspirieren lassen. Die Ziegelsteine bilden die ineinander verschlungenen Buchstaben "L" und "E".

Statt die Pinsel vor dem Ölgemälde schwingen sie Mörtelkelle, Motorsäge und Schweißgerät. In der Vils-Aue in Vilseck arbeiten sechs Künstler an ihren Skulpturen für einen Kunstpfad - entlang der Goldenen Straße. Viel Zeit bleibt nicht mehr, morgen wird der zwei Kilometer lange Weg eröffnet.

Die Knieschoner von Albert Braun sind voll mit rotem Staub, die Adern an seinen Armen angeschwollen. Mit einem Hammer klopft er Schlitze in Ziegelsteine, die er mit Mörtel zu Buchstaben gemauert hat: Ein "E" und ein "L" stehen auf der Wiese, umgeben von einem Berg roter Steinchen. Splitter fliegen durch die Luft. In seinem ausgewaschenen, dunkelgrauen T-Shirt und dem weißen Malerhut sieht Braun eher aus wie ein Bauarbeiter. In einem Eimer liegen Handschuhe, Meisel und Bleistift.

Neben einem Schubkarren, einem Plastikstuhl mit Sonnenschirm und den Holzpaletten, auf denen Ziegelsteine geschlichtet sind, gluckert der kleine Altmühlbach. "Ich wollte nicht Granit oder Bronze verwenden, sondern alltägliche Materialien. Jeder aus Vilseck kennt Ziegelsteine", erklärt der Künstler. Das ist sein Ansatz: Material aus der Region und so minimalistisch wie möglich gestalten. Zwei Wochen haben die Männer Zeit, bei dem Internationalen Künstlersymposium ihre Objekte zu bauen, klopfen, schweißen oder sägen. Acht Paletten mit rund vier Tonnen Stein verarbeitet Braun für seine Skulptur. "Letzte Woche war es super heiß, es hatte was von Bauarbeiten", grinst er.


Die Ziegelsteine braucht er nicht nur für die beiden Buchstaben, sie liegen auch in verschiedener Körnung - von Sandkorn bis Kieselstein groß - um die Skulptur herum, zwischendrin blitzen Grashalme hervor. Braun hat die Steine extra schreddern lassen. "Was runterfällt beim Klopfen, bleibt liegen", erklärt der Künstler den großen roten Haufen in der grünen Vils-Aue.

Verschwimmende Linien

Die Steine sollen sich in den Buchstaben auftürmen, etwas bröckeliges undefinierbares wird zu einer festen definierbaren Skulptur. Er wünscht sich, dass sich die harte architektonische Form seines Kunstwerks mit der Zeit mit der Natur verbindet. "Das Gras sucht sich seinen Weg wieder rein, irgendwann verschwimmen die Linien", sagt er und stellt seinen linken Fuß auf den Plastikeimer.


Vilseck ist Brauns Heimatstadt, der Kunstpfad quasi ein Heimspiel für ihn. Mittlerweile lebt er in Finnland. Seine Skulptur hat einen engen Bezug zu Vilseck, zur angeblichen Liebesnacht von Lola Montez. "Man könnte denken, dass das eine ein L für Lola und das andere ein M für Montez ist. Tatsächlich ist es aber ein E für Elias Peißner", informiert Braun. Mit ihm soll Montez, die Mätresse von König Ludwig I., eine Liebesbeziehung gehabt haben. "Ich war öfter in Brooklyn bei ihrem Grab. Mit den Besuchen in New York hat sich die Skulptur entwickelt, ich konnte irgendwann nicht mehr dran vorbei." Das E liegt horizontal zum vertikalen Strich des L. Dort verbinden sich die Buchstaben miteinander. "Es soll die Berührung sein", erklärt der Künstler und lacht schelmisch. "Der Titel könnte vielleicht sein: Lola und Elias - Monument für love, peace and freedom."

Vom Bauhof unterstützt

Auf dem zwei Kilometer langen Kunstpfad am Ufer entlang der Vils arbeiten noch fünf weitere Künstler an ihren Objekten für das grenzüberschreitende Projekt mit Pilsen 2015. "Bei dem Symposium sind ein amerikanischer, zwei tschechische und drei deutsche Künstler aus der Region beteiligt", berichtet Adolfine Nitschke. Die Kultur- und Tourismusbeauftragte ist ganz begeistert von dem, was in Vilseck entsteht. Zusammen mit dem Bauhof kümmert sie sich darum, dass die Männer genügend Material und Werkzeug haben. "Tim de Christophers Leidenschaft sind Fische. Wir haben uns zusammen in Steinbrüchen hier umgeschaut und Kalksteine gefunden", sagt Nitschke.


Auf einem der vier Brocken, die zusammen den Fisch ergeben, sitzt der amerikanische Künstler. Mit der linken Schulter drückt er sich gegen den Stein, in der rechten Hand hält er einen Druckluftmeisel und klopft die Formen eines Fischmauls aus dem harten Stein. In einen anderen Kalkstein ist der Umriss der Vilsecker Burg Dagestein gemeißelt. Dafür hat er zwei Stunden gebraucht. "Der Stein ist schwer zu bearbeiten", erzählt de Christopher. Seine Hände sind rau und voll schwarzer Farbe. Die verstaubte Brille sitzt locker auf der Nase. "Ich musste die Formen deshalb vereinfachen und grober arbeiten." Zu Beginn des Symposiums habe ihm auch noch der Koffer einen Streich gespielt. Das Gepäck des Amerikaners, in dem sein Werkzeug ist, kam nicht an. Er muss sich vom Bauhof verschiedene Geräte leihen. Die Idee ist, den fertigen "Jurassic Fish" direkt auf die Kiesbank zu legen. Das Wasser soll den unteren Bereich umspülen, damit es so aussieht, als schwimme er die Goldene Straße entlang.


"Neben dem Fisch sollen noch ein Holzpavillon und ein Grillplatz entstehen", sagt Nitschke. "Der Kunstpfad soll für die ganze Bevölkerung zugänglich sein." Und schon jetzt nutzen die Vilsecker den Weg durch die renaturierte Vils-Aue - zum Spazierengehen oder Fahrrad fahren. "Dort kommen noch Sitzbänke hin und auf den Steinen am Ufer kann man es sich auch bequem machen", schwärmt sie. Auch ein Fitnessparcours soll aufgebaut werden. Gefördert wird das Projekt aus den Kulturfördertöpfen und der Stadt Vilseck. "Die Bürger helfen mit und sponsern auch schon mal eine Bank, das ist wirklich schön", freut sich Nitschke. Die Hilfsbereitschaft zeigt sich auch bei dem jüngsten der Künstler: Jakub Hanzl. Er baut einen Wagen aus dicken Eichenästen, der auf der Goldenen Straße entlang fährt und unter der großen Last einsinkt. Dafür braucht er verschiedene Werkzeuge und die bringen ihm unter anderem die Vilsecker. "Bei mir liegt's in der Drechslerei rum", erklärt Karl Segerer und reicht dem Künstler Werkzeug aus seinem Kofferraum.

Der Weg führt auch an dem Kunstwerk von Jirí Beránek, ein Granitstein in Form einer Pyramide, vorbei. "Er wünscht sich, dass der Stein angefasst wird, dass er in die Umgebung hinein wächst und nicht mehr fremd wirkt", sagt Nitschke. Auf dem Kunstpfad, der in Richtung Burg Dagestein führt, sägt Stefan Link aus den Eichenstämmen Flussgeister. "Es werden Menschen, Fische und ein Insekt ist dabei", beschreibt er die Holzpflöcke. "Aber es sind viele Nägel drin", bedauert er. Nitschke weiß warum: "Ein Kollege vom Bauhof hatte in seiner Kindheit auf der Eiche ein Baumhaus." Link nickt, seine verwuschelten Locken sind voll mit Sägespänen.

Die Unterstützung der Bürger spürt auch Erwin Regler. Neben dem historischen Stadtturm baut er eine Skulptur aus Militärschrott vom Truppenübungsplatz. Das Kunstwerk wird von mehreren Stützen gehalten. Leitern lehnen sich daran an. "Mein Material konnte ich bei Nachbarn lagern", freut sich der Künstler und zeigt auf den Berg aus verrosteten Teilen im Garten einer Vilseckerin. "Mit der Arbeit nehme ich Bezug zum Übungsplatz, zum Bergbau und der Eisenindustrie", erklärt er.

Die Größe des Werks macht ihm dabei am meisten Spaß. Dass auf der Spitze eine menschenähnliche Figur steht hat sich erst beim Schweißen entwickelt: "Es schaut so aus, war aber nicht geplant", lacht Regler. "Es kommen oft Leute vorbei und fragen, was wir da machen." Der Künstler, der aus der Region stammt, jetzt aber in Montreal lebt, freut sich, wenn er Publikum hat.
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