Virtueller Lokführer

Wer einmal im Leben im Panorama-Wagon des Weltkulturerbes saß, wird diese Fahrt nie vergessen. Die meisten kommen auch immer wieder. Da wechseln sich Tunnel und Viadukte in schwindelerregender Höhe ab.

Der Blick auf Gletscher wie Bernina oder Morteratsch im Sonnenlicht blendet das Auge. Das Blaugrün der Gebirgsseen liefert den Kontrast zu den schroffen Bergfelsen. Roseg, Diavolezza oder Palü heißen einige dieser Riesen und Viertausender sind darunter. Als Geheimtipp gilt eine Fahrtpause auf der Alp Grüm hinter dem Bernina-See. Von dort oben sieht man die schlangenartigen Kurven, auf denen sich die Bahn nach oben windet. Und bevor es aus dem italienischen Tirano wieder zurückgeht, sitzt man im dortigen Straßencafé auf nur 400 Höhenmeter und sieht, wie die Bahn mitten über den Marktplatz, wenige Meter von der eigenen Kaffeetasse entfernt, ihre schrillen Quietschgeräusche erzeugt.

Wer kennt sie nicht, die roten Lokomotiven und Waggons, die sich auf schmaler Spur über Viadukte und durch Tunnel und Täler der Schweizer Bergwelt schlängeln: Rhätische Bahn (RhB) nennt sie sich und wurde mit der Albula- und Bernina-Linie im Jahre 2008 als Unesco-Weltkulturerbe ausgezeichnet. Im Bahnmuseum Albula im idyllischen Ferienort Bergün in Graubünden wird die 125-jährige Geschichte nachvollzogen. Seit zwei Jahren gibt es dieses Museum.

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7,2 Millionen Franken wurden dort bereits investiert. Noch ist nicht alles fertig. Doch Eisenbahnfans schlägt jetzt schon das Herz höher, wenn Dampfloks, Salonwagen, Signalanlagen oder auch die Eisenbahnwelt am Anfang des 20. Jahrhunderts wieder zum Leben erweckt werden. Stundenlang kann jeder selbst zum Eisenbahner werden.

So wird ein Regentag in den Bergen zum unvergesslichen Ereignis. So steuert der Besucher zum Beispiel im "Krokodil-Führerstand" eine Lokomotive virtuell durch das Albula-Tal. Das Museum bietet eine überaus vielfältige Erlebniswelt: Interaktive Installationen, Zeitzeugenberichte und Simulatoren lassen die Geschichte der Rhätischen Bahn in allen Facetten nacherleben. Großdimensionierte Schwarz-Weiß-Diaprojektionen mit passender Geräuschkulisse versetzen den Besucher in die Vergangenheit. Kinder finden einen speziell für sie gestalteten Weg durch die Ausstellung und können sich als Nachwuchs-Baumeister, Stationsvorsteher betätigen oder auch einmal virtuell einen Zug bremsen.

Eindrucksvoll wird im Museum anhand von authentischem Filmmaterial eines der Hauptprobleme der Schweizer Bergbahnen vorgeführt: Wie kann man im Winter die meterhohen Schneemassen bewältigen und einen regelmäßig verkehrenden Zugverkehr gewährleisten. Da werden Schneeberge gesprengt, Lawinen ausgelöst und rotierende Schneefräsen vor die Loks gesetzt. Manchmal musste auch nur geschaufelt werden. Doch wie es die damalige Rangordnung der Bahnbediensteten erforderte, der Stationsvorsteher in Uniform gab nur die Befahle.

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Mit Gips und Moltofill

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Ein Publikumsmagnet des Bahnmuseums ist die Modelleisenbahnanlage von Bernhard Tarnutzer, der in seiner Freizeit seit 27 Jahren die Albula-Bahn im Zustand der 50er und 60-er Jahre detailgenau im Maßstab 1:45 nachbaut. Bahnhöfe, Tunnel, Viadukte alles wird orginal getreu in die nachmodellierte Landschaft eingepasst. Der Besucher kann dem Modellbauer bei der Arbeit über die Schultern schauen. Bereitwillig gibt Tarnutzer auch Auskunft, zum Beispiel dass er mit "Gips und mit Moltofill die Landschaft nachbildet" und dass er im Hauptberuf in der Hotelbranche tätig ist. Am Nachmittag ist die Bahn "der Spur 0m"in Betrieb. Sie dürfte wohl zu den größten Modelleisenbahnanlagen in Europa zählen.

Noch ist das Eisenbahnmuseum im Aufbau. Riesige Bestände an geschichtsträchtigem Material lagern noch in den Kellerräumen. Manche Beschreibung der Ausstellungsstücke muss noch vervollständigt werden. Und damit dies alles möglich wird ruft Yves Broggi, Präsident des Stiftungsrates der Stiftung Bahnmuseum Albula, dazu auf, "werden Sie Aktionär der Bahnmuseum Albula AG". Rund 60 000 Namensaktien mit einem Nennwert von einem oder von fünf Franken sollen zu 99 beziehungsweise 495 Franken verkauft werden. "So können Sie als Förderer und Freund des Bahnmuseums einen Teil des Unternehmens erwerben und erhalten den Gegenwert mit allen damit verbundenen Rechten" wird im Verkaufsprospekt ausgeführt.
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