Vom Kopfschüttler zum Betreuer

Sich frühzeitig auf den Weg zum Betreuungsamt machen - das rät Hubert Söllner allen, die in einer ähnlichen Situation sind wie er. Am Landratsamt sind dafür im Gebäude der Kfz-Zulassungsstelle (Bild) Peter Wirth (Tel. 0 96 21/39-567) und Jens Muschiol (0 96 21/39-568) zuständig, in der Stadt Amberg Norbert Schmid (10-339) und Ingrid Paulus (10-392). Bild: Huber

Betreuung, Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht - das waren ja keine Fremdwörter für Hubert Söllner. Kopfschüttelnd sagt der Riedener : "Als Mitarbeiter der AZ habe ich eifrig drüber geschrieben, aber doch nie gedacht, dass mich das auch treffen kann." Bis zu dem Tag, an dem seine Frau einen Schlaganfall erlitt.

Wenn der 76-Jährige erzählt, was im November 2009 geschah, kommt alles wieder hoch und er atmet schneller. Hubert Söllner und seine Frau Maria waren auf der Heimfahrt vom Nierenarzt in Schwandorf. "Sie saß neben mir im Auto. Dann ist ihr Kopf ganz leicht zur Seite gefallen, wie wenn man einschläft." Und die Breze, die Hubert Söllner kurz vorher für seine Frau gekauft hatte, fiel ihr aus der Hand. "Ich habe noch gesagt: Du kannst doch nicht die Breze runterschmeißen." Als Maria Söllner nicht reagierte, kam ihrem Mann die Sache doch verdächtig vor. Schnell war ihm klar: Wir brauchen sofort einen Arzt.

Zum Glück war es nicht mehr weit bis zum Hausarzt nach Ensdorf. Der kümmerte sich um Maria Söllner, alarmierte sofort den Notarzt. Hubert Söllner hat in diesen Minuten funktioniert, weil er gefordert war, er hat mit angepackt, alle Fragen beantwortet, die Informationen zum Gesundheitszustand seiner Frau geliefert. "Keine halbe Stunde später hat's mich dann aber gepackt." Stark gezittert habe er, erzählt Söllner, und sei erst einmal zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen.

Drei Wochen Bangen

Dazu kam dann die Sorge um seine Frau, die im Amberger Krankenhaus lag. "Andere Leute hat sie nach einigen Tagen wieder erkannt und mit ihrem Namen angesprochen, mich aber nicht", schildert er einen Umstand, der ihn zunächst sehr verstörte. Es dauerte drei Wochen, bis Maria Söllner - zu diesem Zeitpunkt schon auf Reha in Nittenau - ihren Mann anredete. Sehr verständlich war das anfangs nicht. Reden und Lesen gehörten zu den Sachen, die sie - so gut es ging - erst wieder lernen musste. Das merkt man noch heute, wenn sie überdeutlich die Wörter formt.

Am Heiligen Abend 2009 kam Maria Söllner wieder nach Hause. Aber in ihrem Kopf war es nicht mehr ihr Daheim - sie erkannte das Haus in Rieden nicht. Jetzt war Hubert Söllner klar, was die Ärzte gemeint hatten, als sie ihm sagten: "Das wird nicht mehr." Jeder kann sich vorstellen, in welcher Stimmung das Ehepaar da am 5. Januar 2010 seine goldene Hochzeit feierte. Doch der ehemalige Drucker nahm den Kampf um die Genesung seiner Frau auf, kümmerte sich rund um die Uhr um sie, spritzte ihr Medikamente, lernte notdürftig kochen (auch wenn er da heute noch lieber auf das zurückgreift, was seine Tochter produziert).

Immer wieder verdrängt

Dass er angesichts des Zustands seiner Frau auch in rechtlicher Hinsicht ihr Betreuer werden müsste, war ihm irgendwann klar, "aber ich habe mir gedacht: Ja, das machen wir schon mal. Als richtig dringendes Problem habe ich es nicht empfunden." Nach zwei Jahren musste Söllner wegen seiner Lunge und Atemaussetzern selbst ins Krankenhaus, da kam der Gedanke an die Betreuung erneut hoch, war aber bald wieder verdrängt. Erst als Hubert Söllner heuer im März wegen der Vermietung seines Hauses in Amberg beim Rechtsanwalt war, kam Bewegung in die Sache. "Ja, haben Sie keine Betreuung für Ihre Frau?", habe der Jurist ganz entsetzt gefragt. Immerhin sei sie doch Mitbesitzerin des Hauses.

Jetzt ging Söllner die Sache mit Hochdruck an. Erste Aktion: Anruf beim Amtsgericht. Das schickte ihm die Unterlagen zu, die er haben musste. Zweiter Schritt: Kontakt mit dem Betreuungsamt des Landratsamtes. Ein Mitarbeiter kam nach Rieden, der ein Gutachten über Maria Söllner anfertigte. "Das macht mein Mann schon, der kümmert sich um alles", erzählte sie dabei vor allem.

Nicht mehr wahlberechtigt

Dritter Punkt: Fahrt zum Neurologen und Psychiater, der die Patientin untersuchte und seine Ergebnisse dem Amtsgericht mitteilte. Dort war am 29. Juli der Anhörungstermin bei der Rechtspflegerin. Die erklärte, was es bedeutet, wenn Hubert Söllner ehrenamtlicher Betreuer seiner Frau wird: Sie ist dann nicht mehr wahlberechtigt, aber ihre Geschäftsfähigkeit verliert sie nicht. Der Betreuer hat jedoch eine gesetzliche Vertretungsmacht für einen festgelegten Aufgabenkreis. Der ist bei den Söllners weit gezogen, wie dem Betreuerausweis zu entnehmen ist: "Der Aufgabenkreis umfasst: Alle Angelegenheiten incl. Entgegennahme und Öffnen der Post." Als einzelne Punkte hätten hier auch stehen können: Gesundheitssorge, Aufenthaltsbestimmung oder Vermögenssorge.

In der Praxis bedeutet das Betreuungsverhältnis etwa, dass Hubert Söllner schlimmstenfalls sagen könnte: "Nein, meine Frau wird nicht operiert, weil ich weiß, dass sie keine Narkose übersteht." Der Betreuer kann aber keineswegs schalten und walten, wie er will. Zum einen legt das Gesetz einen "Willensvorrang des Betreuten" fest - soweit er ihn noch ausdrücken kann. Zum anderen steht der Betreuer unter der Aufsicht des Betreuungsgerichts, dem er in regelmäßigen Abständen ein Vermögensverzeichnis vorlegen muss.

Am 30. Juli hielt Hubert Söllner den Betreuerausweis in Händen, am 1. September kam noch eine Überraschung hinterher: eine Rechnung von der Landesjustizkasse Bamberg in Höhe von mehr als 500 Euro. Der größte Teil davon war mit über 300 Euro die Vergütung für den Sachverständigen. Doch auch die "Jahresgebühr für Dauerbetreuung" (sie zählt zu den Gerichtskosten) schlug mit 200 Euro zu Buche. Das ist der Mindestsatz, der verlangt werden muss.

"Warten ist Blödsinn"

Hubert Söllner ist heute froh, dass der ganze Papierkrieg vorbei ist und er offiziell für seine Frau die Entscheidungen treffen darf, die sie nicht mehr treffen kann. Eines ist ihm aber bei dem gesamten Verfahren bewusst geworden: "Es ist ein Blödsinn, wenn man so lange wartet." Eigentlich hätte er viel früher die Betreuung anstreben müssen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Er appelliert deshalb an alle, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: "Seid's nicht so lahmarschig, wie ich es war."
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