Vom Landfrust zur Landlust

Wie schaffen wir es vom Landfrust zur Landlust? Warum veröden die Ortskerne, während neue Einkaufsmeilen am Ortsrand die Konsumenten locken und junge Menschen in die Ballungszentren abwandern? Patentrezepte zum Gegensteuern gibt es zwar nicht - aber vielfältige Strategien. Im Mittelpunkt muss dabei der Mensch stehen.

"Orte auf dem Land haben ihre eigene Identität und die Alternative ist nicht die Metropolregion", stellte Dr. Birgit Angerer fest: rund 120 Teilnehmer konnte die Leiterin des Oberpfälzer Freilandmuseums Neusath-Perschen zum zweiten Tag des Symposiums "Landfrust.Landflucht.Landlust - Strategien für unsere Ortskerne" (wir berichteten) begrüßen.

"Was ist schief gelaufen mit unseren Ortskernen?", hinterfragte Stadtplaner Siegi Wild, der am Beispiel Oberpfälzer Gemeinden Zustand und Perspektiven historischer Ortskerne aufzeigte. "Die Orstkerne haben ihre Funktion verloren", blendete Wild auf Zeiten zurück, als diese noch Zentren des Handels und sozialer und gesellschaftlicher Mittelpunkt waren. Geändertes Einkaufsverhalten wie Online-Handel sowie die Ansiedlung von Supermärkten und Factory-Outlet-Centern am Ortsrand hätten die Innenstädte zu "Ramschläden" werden lassen. "Wie viel uneingeschränkte Unternehmerschaft dürfen wir uns hier noch leisten?", bemerkte Wild.

Keine Patentrezepte

Die Kommunen müssten mit ihren eigenen Liegenschaften mit gutem Beispiel vorangehen, ein neues Kulturbewusstsein begründen und für Verweil- und Aufenthaltsqualität in den Ortsmitten sorgen. Der Städteplaner plädierte dafür, eine Instanz zu schaffen, die sich intensiv um den Leerstand kümmert. Dabei sei aber auch jeder einzelne gefragt, denn Patentrezepte gebe es nicht. "Vitale Dörfer - baulich, funktional, sozial": Leitender Baudirektor Willi Perzl vom Amt für Ländliche Entwicklung verwies auf die Instrumente der Dorferneuerung und zeigte sich überzeugt, dass bauliche Anstrengungen allein nicht ausreichen. Der Weg müsse über die Menschen und die Betroffenen gehen und die Aufgaben mit den Fachstellen, den Bürgern und den Akteuren gebündelt werden. Entscheidend sei auch die Sensibilisierung der Menschen für dieses Thema.

Über die Möglichkeiten der Visualisierung vorhandener Immobilien-Ressourcen in den Ortskernen hat sich die Architektin und Kreisheimatpflegerin in Tirschenreuth, Maria-Magdalena Stöckert, Gedanken gemacht. Was ein kleiner Ort schaffen kann, wenn alle zusammenhalten, zeigte sie am 37-Einwohner-Ort Herzogöd (Gemeinde Fuchsmühl) auf. Eindrucksvoll warb sie für den Charme einen Verkaufsprospekts mit "Vorher-Nachher-Variante" für Bestandsimmobilien und der Darstellung der Standortvorteile. "Die Lust, etwas zu wagen, benötigt einen gewissen Grad an Verrücktheit" - unter diesem Motto ließ Reinhard Fütterer die Entwicklung des Schafferhofes in Neuhaus zum "Zoigl- und Kulturtempel" Revue passieren.

Mit Herzblut

Dass aus dem Jugendtraum kein Alptraum wurde, dafür sorgten über hundert freiwillige Helfer aus dem Freundes- und Nachbarschaftskreis, die zusammen mit der Familie Fütterer mit Herzblut und viel Arbeit ein "Denkmal zum Anfassen" schufen, in das ungeahntes Leben eingezogen ist. Rund 30 000 Gäste kommen mittlerweile pro Jahr auf den Schafferhof, in dem ein guter Geschäftsmix aus Gastronomie und kulturellem Leben zu Hause ist. "Denn wer fährt schon wohin, wo nichts los ist", sagt Reinhard Fütterer. Und Professor Dr. Peter Morsbach von der OTH Regensburg zog als Fazit des zweitägigen Fachforums: "Der Mensch ist das wichtigste bei der Entwicklung der Ortskerne zu vitalem Leben".
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