Von der bewegten Geschichte des Westböhmischen Theaters in Eger
Ort für "unfrisierte Gedanken"

Bereits im Mittelalter hatten die Egerer Bürger Freude am darstellenden Spiel. So ist überliefert, dass zum Fronleichnamsfest im Jahr 1442 ein dreitägiges Passions- und Auferstehungsspiel mit mehr als 200 Personen aufgeführt wurde. Das Stück hieß "Ludus de creatione mundi" (Spiel der Erschaffung der Welt), verfasst in mittelhochdeutscher und lateinischer Sprache. Die Aufführungen fanden in der Nikolauskirche und auf Bühnen in den Straßen statt.

Ein eigenes Theatergebäude, erbaut nach Plänen des Architekten V. Pröckel, wurde 1874 eröffnet. Für die Eröffnungsvorstellung wählte man - bezugnehmend auf die Geschichte der Stadt - zwei Teile von Schillers Trilogie "Wallensteins Lager und Wallensteins Tod".

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude restauriert und als "Divadlo Pohranicní stráže" (Theater Grenzposten) im Mai 1960 wiedereröffnet. Zur Aufführung kam das Singspiel "Fidlovacka" von Josef Kajetán Tyl, welches das Lied "Kde domov muj?" (Wo ist meine Heimat?) enthält, die tschechische Nationalhymne. Ein Jahr später erhielt das Egerer Theater ein eigenes Ensemble. Hierher, an das "Ende der sozialistischen Welt", wurden Künstler strafversetzt, die in Prag politisch nicht genehm waren. Diese aber machten aus der Not eine Tugend: Weit weg von der Hauptstadt waren ein freies Wort, politische Anspielungen und ein Repertoire von freiheitsbezogenen Theaterstücken eher möglich als irgendwo sonst in der CSSR. Das Theater in Cheb wurde - von den Kommunisten unbemerkt - zu einem "geheimen Wallfahrtsort" der Sehnsucht nach Befreiung.

Davon wusste man sogar in Deutschland. Schon 1968 konnte man im Magazin "Der Spiegel" lesen: "Unfrisierte Gedanken sind auch im Stadttheater von Cheb (Eger) zu hören, wo Sartres ,Schmutzige Hände' aufgeführt werden, die Geschichte eines politischen Attentäters, der das Opfer des gewandelten Parteikurses wird." In den Jahren 1968 ("Prager Frühling") und 1989 ("Samtene Revolution") wurde das Theater zu einem geheimen Versammlungsort. Hier konnten die heimgekehrten Prager Studenten über das von den Medien verschwiegene Geschehen in der Hauptstadt informieren. Und hier konnten diese erfahren, was man in Cheb aus dem deutschen Fernsehen wusste.

Nach der Wende wurde das Theater in "Západoceské divadlo" (Westböhmisches Theater) umbenannt. Es genießt einen hervorragenden Ruf. Immer wieder wird sein Schauspielerensemble zur Teilnahme am Theaterwettbewerb "Ceské divadlo" nach Prag eingeladen. Dort konnte es schon zahlreiche Preise erringen.

Auch heute noch beteiligt sich dieses Haus an der politischen Meinungsbildung. Hier ist, zum Beispiel, das Schauspiel "Cejch" (Brandzeichen) zu erwähnen, das sich mit dem Thema der Zwangsaussiedlung der seit Jahrhunderten ansässigen deutschen Bevölkerung befasst - und mit der Erinnerung an diese schwere Zeit einen Beitrag zur Versöhnung leistet.
Weitere Beiträge zu den Themen: Cheb (94)Eger (126)April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.