Vor 600 Jahren starb Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen - Neue Details aus der ...
Wahrheit mit dem Leben bezahlt

Das kommunistische Regime verwandelte das Hus-Geburtshaus in Husinec in eine wichtige Wallfahrtstätte, zu der Schulklassen und Betriebe obligatorisch fahren mussten. Von der kommunistischen Ideologie wurde er beinahe zu einem Revolutionär gemacht, der die künftige Arbeiterbewegung vorweggenommen haben sollte. Bilder: Christoph

Er kam vor 600 Jahren nach Konstanz, um vor dem Konzil seine Glaubensüber- zeugungen zu verteidigen. Am 6. Juli 1415 starb Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Die Kirche machte tabula rasa, ein Märtyrer war nicht erwünscht. Durch Zufall tauchten neue Daten auf.

Endlich können wir seinen Geburtstag feiern!", freut sich die hussitische Pfarrerin Zuzanna Kalenska in Marienbad. Das Schicksal des tschechischen Reformators Johann Hus (1371-1415) bewegt bis heute. Hier hat einer, der kein Ketzer sondern ein frommer katholische Priester sein wollte und keinerlei politische Ambitionen hegt, der Kirche seiner Zeit den Spiegel vorgehalten. Am 6. Juli 1415 wird er auf dem Konstanzer Konzil hingerichtet.

Hundert Jahre vor Luther wettert er gegen den Reichtum und das Lasterleben des Klerus, fordert den "Laienkelch" und - zum Entsetzen der hohen Kleriker in Prag - radikal die Autorität der Heiligen Schrift. Sie sollte wieder zum Maßstab kirchlicher Lehre und Handelns gemacht werden. Seine aus der Bibel gewonnene Wahrheit bezahlt er mit dem Leben.

Die damalige Kirche hat sämtliche Spuren getilgt, vielleicht auch die meisten Urkunden. Es sollte keine Reliquien geben. Wenig bekannt ist sein Geburtsort Husinec (rund 200 Kilometer von Weiden entfernt) am Rande des Böhmerwaldes. In offiziellen Kreisen wird er um 1370 geboren und stirbt am 6. Juli 1415 nach seiner Verurteilung am Scheiterhaufen. 2015 jährt sich sein Geburtstag zum 645. mal. Gedacht wird jedoch seines Todes vor 600 Jahren.

Über seine Eltern ist bislang wenig überliefert. Jetzt scheint Licht in die Familiengeschichte zu kommen. Es ist Zufall, als Horst Lindemuth, in der Nähe von Stuttgart lebend, über die Presse im Februar erfährt, dass Nürnberg ein Ausstellung über Jan Hus gezeigt wird. Er nimmt Kontakt zu den Ausstellungsmachern auf und wird an Rainer Christoph, dem Vorsitzenden des Fördervereins Goldene Straße, verwiesen. Ihm berichtet er, dass in seinem Haus ein Stammbaum hängt, der auf Hus zurückgeht. Als Diplomingenieur hat ihn in der Vergangenheit "Geschichte nicht so sehr interessiert, zudem ist Hus in seiner Region ein unbekanntes Thema". Nun hat er das Bedürfnis, auf diese Tatsache aufmerksam zu machen.

Er erzählt, dass sein Großonkel Heinrich Strauß, der während des Zweiten Weltkriegs in England auf der Insel Man deportiert war, nur aufgrund der Stammbaum-Unterlagen mit arischem Nachweis wieder nach Deutschland zurück durfte. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte er über Jahre hinweg Kirchenbücher von Deutschland über Österreich bis hin nach Prag gewälzt. Mit Erfolg: Der Stammbaum seiner Familie geht bis ins Jahr 1330 zurück.

So steht ganz unten im Schild der Name: "Joh. Joseph Huß, geb. 1330 zu Husinetz bei Pachtalitz am bömischen Wald gegen Baiern zu liegend, zeugte mit seiner Ehefrau geborene v. Kowisckcy drei Söhne, Hironimus, Johannes und Benedictus dieser ist die Böhmische e Schlawonische Linie. Die deutsche hängt sich an bei Joh. Sebast. Huß. geb 1593 religions wegen vertrieben aus den salzburgischen hat sich ansässig gemacht zu Altheim, bei Neustadt." (Anmerkung: In der K.u.-k.-Monarchie waren die Hussitische Kirche sowie die Brüderunität von Jan Amos Comenius verboten). Als Exulant ging er nach Neustadt an der Aisch.

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Hus hatte zwei Brüder

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Den Stammbaum der deutschen Hus-Linie begründete 1670 sein Sohn Johann Leonardus Hus, Bürgermeister in Altheim. Auf dem Stammbaum steht fein säuberlich "Abschriften der Original befinden sich im Besitz von K.A.H. Strauß, 22.Juli1919.

Der Stammbaum kommt einer Sensation gleich, gibt er doch erstmals Einblick in die frühe familiäre Situation des böhmischen Reformators Jan Hus. Niemand wusste bislang den Namen des Vaters oder der Mutter. Gänzlich unbekannt ist die Tatsache, dass er zwei Brüder hatte.

Erstmals taucht das genaue Geburtsdatum von Hus auf: Es ist der 1. Juli 1372, sein jüngerer Bruder Benedictus wird 1382 geboren und ist Goldschmied, Hieronymus, der ältere, Jahrgang 1370, ein Waffenschmied. Dieser ist ein Ur-Ahn von Lindemuth, der Anfang Juli beim Förderverein vorbeischaute.

Im Mai werden die Unterlagen der hussitischen Pfarrerfamilie von Eger/ Marienbad und Tachov/Tachau an Zuzanna Kalenska, Bretislav und Vladimara Belunková übergeben. Diese untersuchen den Stammbaum mit der Lupe und sind baff vor Erstaunen. Sie haben die Unterlagen nach Prag an die hussitische Fakultät der Universität weitergeleitet. "Endlich können wir den Geburtstag von Jan Hus feiern. Es ist er 1. Juli und gar nicht so weit entfernt von seinem Todestag", freut sich Zuzanna Kalenska.

Am 16. Juni trafen sich tschechische Kirchenvertreter zum Hus-Gedenken bei einer Papstaudienz im Vatikan. Papst Franziskus empfing dort die führenden Vertreter der Katholiken, Hussiten und Protestanten aus Tschechien. In seiner Rede bringt er sein Bedauern über den grausamen Tod des tschechischen Reformators zum Ausdruck. Er fordert dazu auf, dass die Kirche Streitfragen aus der Vergangenheit aus einer neuen Sichtweise lösen müsse.

An der Audienz beim Papst nehmen der emeritierte Prager Erzbischof Miloslav Vlk, der Bischof von Pilsen Frantisek Radkovský sowie Vertreter der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirchen und der Evangelischen Kirchen der Böhmischen Brüder teil. Auch die Vizevorsitzende des Senats, Miluse Horská, gehört zur Delegation.

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Am 1. Juli sendet Arte um 20.15 Uhr erstmals in Kooperation mit dem tschechischen Fernsehen als Zweiteiler den Spielfilm "Jan Hus".
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