Vor 70 Jahren befreiten amerikansiche Truppen die Häftlinge des Konzentrationslagers
Späte Tage der Trauer in Flossenbürg

Am 23. April 1945 erreichten die ersten amerikanischen Soldaten das Konzentrationslager Flossenbürg. Es war ein kalter Frühling in der Oberpfalz, selbst am 30. April, als dieses Bild mit dem Begrüßungsbanner der Häftlinge entstand, lag noch Schnee. Bild: National Archives Washington

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg war die erste in Bayern, und eine der ersten in Europa. Heute gilt sie als anerkannter internationaler Erinnerungsort. Doch über Jahrzehnte war das Lager vergessen. Kaum jemand erinnerte sich daran, dass auch in dem kleinen Oberpfälzer Ort die SS-Mordmaschinerie lief.

Spät kommen die amerikanischen Truppen nach Flossenbürg. Die Einheiten der 90. US-Infanteriedivision entdecken das Konzentrationslager eher zufällig während einer Aufklärungsfahrt am 23. April 1945. Zu diesem Zeitpunkt sind viele andere Konzentrationslager längst befreit. Als die US-Soldaten Flossenbürg erreichen, ist kaum noch jemand da. Gerade mal 1500 schwer kranke Häftlinge sehnen das Ende des Krieges herbei. Mehr als 15 000 Männer und Frauen sind von der SS-Wachmannschaft in Richtung Dachau getrieben worden. Ein letztes Aufbäumen des mörderischen Vernichtungssystems. Tausende sterben elend auf den Todesmärschen - in vielen Oberpfälzer Orten bleiben die Leichen zurück.

Letzte Mordtaten

Das eindrücklichste Zeugnis dieses Moments liefert Lagerschreiber Emil Ležak. "Jetzt muss ich unterbrechen, die Befreier sind da !!!!! es ist der 23. 4. 45, 10.30 Uhr !!!!!", schreibt der Tscheche in seiner Dokumentation. Anschließend berichtet er noch, dass er ein von ihm vorbereitetes Schild mit der Begrüßung in englischer Sprache am Eingang aufgehangen habe. "PRISONERS HAPPY END - WELCOME!" Zudem notiert er, er "habe sofort die ersten Anweisungen bezüglich versteckten Waffen gegeben. Ein Leutnant mit vier anderen Soldaten haben alles betrachtet und jetzt kann ich weiterschreiben".

Die SS hatte schon Anfang April mit der Auflösung des Lagers begonnen. Am 9. April 1945 werden im Arresthof des Konzentrationslagers Mitwisser des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler ermordet: Neben dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer sind dies Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack, Theodor Strünck und Ludwig Gehre. Schließlich beginnen am 20. April 1945, drei Tage vor Eintreffen der Amerikaner, die Todesmärsche. Die Befreier kümmern sich einerseits um die Häftlinge, andererseits dokumentieren sie die Spuren der Verbrechen. Zudem werden die Todesopfer im Zentrum der jeweiligen Orte bestattet, auch in Flossenbürg. Dies sollte den Deutschen die Verbrechen vor Augen führen.

Bange Fragen

In Flossenbürg waren die letzten Kriegsmonate von bangen Fragen geprägt, heißt es in einer Dokumentation des evangelischen Dekanats Weiden. "Was wird aus dem Dorf, den Familien, insbesondere Kindern, ... wenn das Lager seine Pforten öffnen muss und dem Hass und der aufgespeicherten Wut der Insassen freier Lauf gegeben werden?" Die Angst, dem Konzentrationslager, seinen Insassen, seiner Geschichte ausgeliefert zu sein, hält sich Jahrezehnte.

Noch 1970 berichtet der damalige evangelische Pfarrer Heinz Werner in unserer Zeitung: "Jeder Ort hatte damals seine Geschichte, aber in Flossenbürg ist sie heute noch täglich gegenwärtig, denn seine Besucher fragen danach. So werden die Bewohner unverschuldet immer wieder an eine Zeit erinnert, die nicht dem Vergessen anheim gegeben werden kann." Zu dieser Zeit ist das Konzentrationslager längst verschwunden. Die pragmatische Nachnutzung des Geländes und der Gebäude haben dazu geführt, dass Ort und ehemaliges Lager verschmolzen sind. Der einzige, noch öffentlich zugängliche Teil, ist die parkähnliche Gedenkanlage, mit den Resten des Arrestbaus, dem "Tal des Todes" zu dem der Besucher von der Kapelle "Jesus im Kerker" hinunter blickt. Die Gestaltung stammt von heimatlosen Polen. 1949 wurde die Anlage zur offiziellen Gedenkstätte in Bayern erhobenen. Flossenbürg ist damit die Erste im Freistaat und eine der ersten in Europa.

Wiederentdeckung

Erst Ende der 1980er Jahre wird das Konzentrationslager wiederentdeckt - und schließlich Anfang der 1990er Jahre der Vergessenheit entrissen. Im Jahr 1995 gab es erstmals einen Gedenkakt des Freistaates. Danach begann die Umgestaltung, die Freilegung von Teilen des Lagergeländes. Heute ist die Fabrikhalle auf dem einstigen Appellplatz abgerissen, die Wäscherei und die Häftlingsküche werden für Ausstellungen über die Geschichte des Konzentrationslagers und die Zeit danach genutzt. Das ehemalige SS-Kasino dient künftig als Schulungszentrum.

Angesichts der Neugestaltung der Gedenkstätte sagt etwa der Überlebendensprecher Jack Terry, das sei mehr als was sie erwartet hätten. Und: Er zitiert den Belgier Charles Dekeyer, der schon vor zehn Jahren sagte: "Nun kann ich sterben." Inzwischen ist die Generation der Überlebenden hoch betagt. Von Jahr zu Jahr kommen weniger zu den Häftlingstreffen, es gibt weniger Zeitzeugengespräche. Zugleich erwachsen neue Herausforderungen. In Deutschland hat jeder dritte Schüler unter 15 Jahre eine Einwanderungsgeschichte. Viele dieser Mädchen und Jungen stöhnen: "Was geht uns das an?"

Erinnerung bewahren

Vor diesem Hintergrund wird es schwer, das Versprechen zu halten, das Bundespräsident Joachim Gauck vor zehn Jahren, damals als Vorsitzender des Vereins gegen das Vergessen, in Flossenbürg gab: "Wir können euch das Leben nicht zurückgeben. Aber wir sind willens und bereit, eure Namen zu erinnern." Wenn dies nicht mehr gelingt, wird die Gedenkstätte Flossenbürg, die wegen ihrer wegweisenden Arbeit beim Europäischen Museumspreis 2014 mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde, wieder in Vergessenheit geraten.
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