Vornamen zur Charakterisierung
Vom Dãmian übern Lädschnbene und der Urschl bis zur Màtz

Für diese beiden groß gewachsenen Schönheiten hat der Dialekt die Bezeichnung lange Stàsl parat.
Die Personencharakterisierung im Dialekt ist ein sehr weites Feld, das eine unglaubliche Fülle an Bedeutungsschattierungen und -nuancierungen beinhaltet. Einen der interessantesten Aspekte daraus stellt die Gruppe der Vornamen dar, die als Appellativa verwendet werden.

Unter einem "Appellativum" versteht man in diesem Zusammenhang einen Eigennamen, der aufgrund seiner konnotativen Bedeutung - das ist die assoziative, emotionale, stilistische, wertende (Neben-)Bedeutung eines sprachlichen Zeichens - wie ein Gattungsname verwendet wird. Zwei bekannte Beispiele aus der Standardsprache für diesen Sachverhalt sind "Einstein" und "Waterloo", etwa in den Sätzen: "Ein Einstein (Genie) ist er nicht gerade." und "Das Projekt wurde zu einem Waterloo (Desaster)."

Was die Vornamen im Nordbairischen betrifft, bei denen dieser Sachverhalt vorliegt, ist die Zahl grundsätzlich relativ beschränkt. Die Gründe, warum gerade bestimmte Vornamen den Prozess vom Eigen- hin zum Gattungsnamen durchlaufen haben, entziehen sich der Kenntnis. Möglicherweise spielte bei der Entstehung die Häufigkeit eines Namens eine Rolle.

Die Charaktereigenschaften bzw. körperlichen Merkmale, die durch die Appellativa zum Ausdruck gebracht werden, wiederholen sich, etwa bei Dãmian, Girgl (Georg), Gore (Gregor), Hiasl (= Matthias), Schoscherl (Verkleinerungsform von "Georg") und Säppl bzw. Säpperl ( Josef) als Bezeichnungen für eine einfältige, zum Teil tollpatschige männliche Person. "Flejnggirgl" dagegen meint sowohl eine ungepflegte Erscheinung als auch einen Luftikus, während "Liezngirgl" für einen Menschen mit sehr ausgeprägten Eigenheiten verwendet wird. Dasselbe gilt für "Lieznbene" (Benedikt).

Bei Lädschnbene steht der Aspekt der Trägheit und Unmotiviertheit im Vordergrund. Ein Stäffl (Stefan) wiederum ist jemand, der ein unhöfliches Benehmen an den Tag legt, und ein Brozesshãnsl (Verkleinerungsform von Hans) jemand, der gerne prozessiert.

Die weiblichen Pendants zu der oben erwähnten ersten Gruppe der männlichen Vornamen sind Abbl (Apollonia), Maigl bzw. Maicherl (Margaretha), Urschl (Ursula) und Zenz bzw. Zenzl (Kreszentia). Bei "Durl" (Dorothea) und "Tusnelda" liegt die Betonung dagegen auf dem gespreiztem Verhalten der Betreffenden. Dies zeigt sich auch darin, dass man von einer "spinnertn Durl" spricht. "Lacherts Kàtterl" (Verkleinerungsform von "Katharina") wird in der Standardsprache mit "Kichererbse" wiedergegeben und Ràdschkàttl mit "tratschsüchtige Frau".

In die gleiche Richtung gehen "Wawl" (Barbara), "Germwawl" und "Salmwawl" für eine weibliche, aber auch männliche Person, die gerne und viel (Unsinn) redet. In diesem Wortfeld ist auch "Schalasta" (Scholastika) für "Lästermaul" angesiedelt. Eine (lange) Stàsl (Anastasia) wiederum ist ein groß gewachsenes Frauenzimmer.

Der vielschichtigste Name in dem gesamten behandelten Kontext ist Màtz (Mechthild: alte Form von Mathilde), denn er wird sowohl für eine weibliche als auch eine männliche Person verwendet, und zwar einerseits sehr derb-abwertend für jemanden, der hinterhältig, raffiniert, liederlich, abgefeimt ist, sowie andererseits mit einem anerkennenden Unterton für einen gewieften Menschen: "So ã Màtz!". (slu)
Weitere Beiträge zu den Themen: Juli 2015 (8666)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.