Warten auf den Urwald

Wo der Mensch nicht mehr aufräumt, geht er im Wald mehr oder weniger unter. Für die Artenvielfalt im Wald gibt es aber nichts Besseres. Bilder: ll
 
Wenn der Pilz sich vom üppigen Totholz ernähren kann, wird er leicht so groß, dass er sich einen Schössling schnappt und nicht mehr loslässt.

Rechts: ein prächtiger Wald, alle Bäume kerzengerade, kein Unterholz stört, man sieht alles, prima. Aber unser Ziel ist links. Da schützt eine grüne Blätterwand die Natur vor neugierigen Blicken. Da muss durch, wer wissen will, wie ein Urwald ausschaut. Und Angst vor alten Bäumen sollte er besser nicht haben.

Also rein ins Getümmel. Kopf einziehen, von oben tropft's runter. Und Vorsicht, die Büsche schnalzen ganz bösartig in Richtung Augen. Dabei immer auf den Boden achten, da liegen jede Menge Äste und Bäume rum. Sehr gewöhnungsbedürftig, so ein Naturwaldreservat. Jedenfalls für den Menschen.

Die Wildschweine dagegen fühlen sich sauwohl. "Die haben hier überall ihre Suhlen", sagt Richard Henkel. Er muss es wissen, denn der Förster hat das Revier Bärenhof des Forstbetriebs Schnaittenbach der Bayerischen Staatsforsten seit 30 Jahren unter seinen Fittichen. Und mittendrin liegt das einzige Naturwaldreservat im Landkreis.

Alles wächst einfach weiter

Mannsberg heißt es, ist 35 Hektar groß und von lauter Schildern umgeben, die davor warnen, es zu betreten - weil man hier einfach alles wachsen lässt, keine abgestorbenen Bäume mehr wegräumt und mit einem unheimlich langen Atem darauf wartet, dass alles wieder ein Urwald wird. "Hier können jederzeit morsche Äste herabfallen und modernde Bäume umfallen", klärt das Schild den Wanderer auf, warum er das wissen muss. Diesen Preis zahlt man, um hier erforschen zu können "wie sich biologische Vielfalt noch bessern erhalten und fördern lässt", verraten die Aufschriften.

Die Wildschweine zählen eigentlich nicht zu dieser schützenswerten Vielfalt. Aber in diesem Dickicht bekommen sie trotzdem keinen Besuch vom Jäger. Er würde gar nichts sehen, meint Richard Schecklmann, der Leiter der Forstabteilung im Amberger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der die Führung organisiert hat. Aber an den Rändern des Neu-Urwalds stehen genügend Hochsitze. Und die Wildschweine gehen öfter raus, denn so gut auch die Leckereien aus dem Waldboden schmecken: Gegen den Lockruf der Maisfelder kommen sie nicht an.

Nur der Salamander fehlt

Rehe beobachtet Richard Henkel auch oft in Mannsberg, "aber so gut wie keine Hirsche". Viele Fledermäuse fühlen sich hier wohl, der Uhu ist da, enorm fleißige Spechte. Und der Feuersalamander? Die anderen Förster fragen nach ihm, weil er das feuchte Mikroklima der alten Laubwälder liebt und deshalb so eine Art Kronzeuge ist für den Erfolg der Verurwaldung. Doch Henkel muss sie enttäuschen: "Ich hab noch keinen gesehen."

Aber Borkenkäfer. Von denen hat der Förster ein ziemliches Nest entdeckt. Henkel schmunzelt, weil ihm wohl bewusst ist, dass diese Tiere andernorts für viel Aufregung sorgen würden. "Einzelne befallene Bäume sind gar kein Problem", beruhigt er. "Das hat auch nicht besonders ausgestrahlt." Erst wenn der Käfer, der das feucht-kühle Milieu gar nicht schätzt, so stark auftreten würde, dass die umliegenden bewirtschafteten Wälder gefährdet wären, müsste Henkel eingreifen. Oder wenn Bäume auf die Wege rund um das Naturwaldreservat zu fallen drohten, so dass es dort nicht mehr sicher wäre.

Diesen Aspekt sollte der Erholungssuchende in Mannsberg nicht unterschätzen, empfiehlt Forstoberrätin Helga Verron, die Leiterin des Naturwald-2000-Kartierteams: "Ich habe schon mal erlebt, dass ein toter Baum neben mir umgefallen ist; ich habe nichts gehört." Meistens sind es Kletterer, die sich sich durchs Unterholz quälen, um den Reiz der Kalkschwammriffe im Zentrum des Geländes auszuprobieren.

Sie haben eher kein Auge für die Bäume. Die tragen hier (fast) alle Laub und heißen Bergahorn, Buche, Eibe, Esche oder Ulme. "Da unten in der Verjüngung, wenn Sie da nach einer Fichte suchen, da finden Sie nicht mehr viel", erläutert Richard Schecklmann die Richtung des natürlichen Waldumbaus. "Wir sind hier im Optimumgebiet der Buche. Da geht die Fichte unter." In 50 Jahren, so schätzt der Forstdirektor, ist hier die Baumart ganz rausgefallen, die sonst überall das Gesicht des Waldes mitprägt. "Vor allem Buche und Ahorn werden das übernehmen." Und die dürfen dann wachsen, wachsen, wachsen. Zuerst in die Höhe, dann in die Breite. Und dann enthält Henkels Feststellung vielleicht sogar noch ein Fünkchen mehr Wahrheit als jetzt: "Im Sommer ist es hier drin finster."
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