Was ist Heimat?

Heimat ist der Ort, an dem man geboren oder aufgewachsen ist, lautet eine offizielle Erklärung. Mit dem Begriff verbindet sich jedoch weitaus mehr, wie Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl erklärte. Die Bezeichnung steht in einem Spannungsverhältnis.

Neustadt am Kulm. (ow) "Sind die momentan stattfindenden Kirchweihfeiern erhaltenswertes Brauchtum oder nur kommerzielle Aktivitäten?" Diese Frage war eines der Themen, das die Teilnehmer am Vortrag "Heimatpflege heute" des Fördervereins Rauher Kulm diskutierten. Als kompetenten Referenten begrüßte dazu Vorsitzende Käthe Pühl Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl aus Regensburg.

Schwieriger Spagat

Bei seinen einführenden Worten erläuterte Appl, dass der Begriff "Heimat" oft zu Diskussionen führe. Demnach gebe es viele Definitionen, die sich auch im Laufe der Zeit verändern. "Heimat" komme aus dem rechtlichen Bereich. "Früher gab es ein Heimatrecht, wonach eine Kommune für jemanden aufkommen musste, wenn er in Not geriet."

In Deutschlands dunkelster Vergangenheit im vergangenen Jahrhundert sei der Begriff "Heimat" von den Nationalsozialisten oft missbraucht worden, um viele schändliche Aktivitäten zu rechtfertigen. Heute erfahre "Heimat" eine richtige Renaissance - "dahoam is dahoam" seien oft gebrauchte Schlagworte. Im Rundfunk gebe es Heimatsender, sogar die Politik sei auf diesen Zug aufgesprungen und habe ein Heimatministerium geschaffen.

"Der Begriff 'Heimat' erfährt in den letzten Jahren wieder eine verstärkte Aufmerksamkeit und Wertschätzung." Vielfach werde dies als Antwort auf die Auswirkungen der Globalisierung auf das Leben der Menschen gedeutet. Alternativ zum angebotenen globalen Einheitsbrei bestehe großes Interesse an der Geschichte des eigenen Wohnorts und der Region sowie an dem Kultur- und Naturraum direkt vor der eigenen Haustür. "Durch Mitarbeit in Vereinen erarbeiten sich viele das kulturelle Erbe und entwickeln damit ihre Heimat."

Im zweiten Teil seiner Ausführungen beschrieb der Referent die Aufgaben der Heimatpflege. "Die Arbeit des Bezirksheimatpflegers ist geprägt von dem Spagat zwischen dem Erhalten und dem Verändern." So stehe etwa im Bereich des Denkmalschutzes oder bei der Dialektpflege Ersteres im Vordergrund, während es bei anderen Feldern wie der regionalen Kultur immer wieder Neuausrichtungen und Weiterentwicklungen gebe.

Verschiedene Aufgaben

Bewahren, erhalten und konservieren, erforschen, dokumentieren und die Erkenntnisse an die nächste Generation weitergeben seien die klassischen Felder. Bräuche, Trachten, Dialekte, Volksmusik, Volkstanz, aktives Kulturleben und Erleben der Kulturlandschaft sind laut Appl moderne Themen der Kultur- und Heimatpflege.

In der anschließenden Diskussion war der Umgang mit Kultur ein Thema. Appl verglich die Arbeit in diesem Zusammenhang oft mit einem Kampf gegen Windmühlen. "Kultur muss sich nicht rechnen, aber es ist schon frustrierend, wenn zu einer gut gemeinten Veranstaltung nur vier Leute erscheinen." Er wünsche sich, dass bei Etatkürzungen nicht immer zuerst beim Kulturprogramm angesetzt werde. "Wie wichtig Kultur für das Leben ist, wird leider immer noch nicht richtig erkannt."

Die derzeitigen Kirchweihfeiern waren ein weiteres Thema der Runde. In einigen Orten gebe es gar keine Kirche, trotzdem werde "Kirchweih" gefeiert. Die Leute feierten ein "Kirchfest", gingen aber selbst gar nicht mehr in die Kirche. Der Bezirksheimatpfleger erklärte, dass er diesen schönen Brauch sicher nicht verwässern wolle, doch diese neuen Kirchweihbewegungen trügen auch dazu bei, dass sich Leute für ihren Ort engagieren und sich hier wohlfühlen.

"Hier hat sich ein Brauch von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst." Heute könne man beobachten, dass sich die Jungen während der Kirchweih in einer Art jugendlichen Protests in bayrischer Tracht präsentieren, während sich die Eltern im Hintergrund im AC/DC-T-Shirt wohlfühlten.

Ein Anwesender bemängelte, dass Fördermöglichkeiten von Maßnahmen durch den Bezirk bei der Bevölkerung fast völlig unbekannt sind. Hier müsste die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt oder ein Ansprechpartner vor Ort etabliert werden. Appl riet, einen ehrenamtlichen Heimatpfleger in der Kommune zu ernennen, der auch im Stadt- oder Gemeinderat Mitsprache hat. Kritik an der rechtlichen Stellung der Heimatpfleger kam von einem anderen Anwesenden. Er bemängelte, dass Stellungsmaßnahmen zugunsten Schützenswertem oft durch die Politik außer Kraft gesetzt werden.

Problem erkannt

Sorgen macht sich der Bezirksheimatpfleger über die Zersiedlung der Oberpfälzer Landschaft und dem Absterben der Ortskerne. Es werden zusätzliche Baugebiete am Ortsrand ausgewiesen, während es zur gleichen Zeit im Stadtzentrum viele Leerstände gebe. Bürgermeister Wolfgang Haberberger erklärte, dass man in Neustadt am Kulm dieses Problem erkannt habe und deshalb in Zusammenarbeit mit der Regierung der Oberpfalz ein Fassadenprogramm für den Marktplatz anbiete. Bis zu 30 Prozent der Renovierungskosten bis zu einer maximalen Summe von 30 000 Euro würden dadurch von der Kommune bezuschusst.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.