"Weniger, aber besser"
Interview

Pilsen. (jrh) Deutschland ist die Hochburg des Verbraucherschutzes, Bayern das Mekka der Fans bäuerlicher Produktion. In der Tschechischen Republik ist der erste Konsumhunger nach den mageren realsozialistischen Jahren gestillt. Langsam entsteht ein Bedürfnis nach Qualität.

Frau Churavá, in Deutschland vergeben Bio-Verbände Zertifikate und kontrollieren die Landwirte. Wie funktioniert das System in Tschechien?

Churavá: Bei uns kontrolliert die Veterinärs- und Lebensmittelinspektion, eine nachgeordnete Behörde des Landwirtschaftsministeriums. Sie prüft auch den Boden. Die Produkte unserer regionaler Lieferanten werden außerdem von unserer Grunt-Zentrale in einem strengen Prüfungsverfahren getestet - zuerst in einer Eingangsprüfung, später durch regelmäßige Stichproben.

In Deutschland gibt es nicht nur Öko-Supermärkte, sogar Discounter nehmen Bio-Produkte ins Angebot - oft zu Lasten der Qualität. Wie entwickelt sich der Markt bei euch?

Churavá: Der Druck der großen Ketten nimmt immer noch zu. Vor allem die Discounter diktieren die Preise. Was bei uns eine große Rolle spielt, ist der Geschmacksunterschied, der wird von unseren Kunden wahrgenommen.

Wie können sich tschechische Bio-Bauern behaupten?

Churavá: Das Interesse an sauberen Lebensmitteln wächst. Auch immer mehr Allergiker kaufen bei uns ein, die gluten- oder laktosefreie Produkte wollen. Wir haben dreierlei Kunden: die gehobene Mittelschicht kauft für die ganze Familie drei- bis viermal die Woche. Dann Mütter, die es sich nicht für die ganze Familie leisten können, aber für die Kinder was Gutes tun wollen. Drittens ärmere Leute, die sich ab und zu gute Milch und gutes Fleisch leisten möchten. Mein Argument: Laut Statistiken werden in Tschechien 30 Prozent der Lebensmittel zu Hause weggeschmissen - kauft weniger, dann könnt ihr euch das Bessere leisten.

Um wie viel teuerer sind Sie ?

Churavá: Unsere Produkte sind im Schnitt um 20 Prozent teurer. Ich plädiere für die Rückkehr zu alten Traditionen, auch beim Einkaufen. "Kommt öfter und kauft frisch", sage ich.

Wie verhält sich der tschechische Konsument?

Churavá: Der wacht langsam auf. 30 Prozent beziehen wir aus der Region. Tierschutz spielt eine Rolle, die Kunden fragen vor allem, ob die Schlachtung unstressig war. Barbora Strýcová, eine bekannte Tennisspielerin, aß lange kein Fleisch, bis sie mich kennengelernt hat: Jetzt isst sie Hähnchen und Puten, weil sie weiß, wie die Tiere aufwachsen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.