Wenn Langeweile krank macht

Wenn Unterforderung antriebslos oder schlaflos macht, sprechen Psychologen vom Bore-out. Es betrifft auch viele Senioren - häufig nach dem Eintritt in die Rente oder nach dem Tod des Partners. Bild: Westend61/Philipp Dimitri

Burn-out kennt wohl jeder. Dass aber auch Unterforderung krank machen kann, wissen nur wenige. Dabei können Betroffene, die unter einem Bore-out leiden, in Depressionen verfallen. Bei Senioren führen die Symptome manchmal zu falschen Demenz-Diagnosen.

Langeweile kann krank machen. Psychologen kennen das Phänomen unter dem Begriff Bore-out, abgeleitet vom englischen Wort für Langeweile: Boredom. Die Unterforderung führt zu Mattigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit und kann in einer Depression enden. Bore-out wird zwar vor allem in der Arbeitswelt beobachtet, betrifft aber auch viele Senioren. Denn Lebensqualität im hohen Alter hängt maßgeblich von dem Gefühl ab, gebraucht zu werden.

"Die Symptome sind die gleichen wie bei einem Burn-out", erklärt Ursula Lehr. Sie ist emeritierte Professorin für Psychologie und führte den Lehrstuhl für Gerontologie in Heidelberg. Von 1988 bis 1991 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.

Auch im hohen Alter

Unterforderung kann Senioren noch im hohen Alter treffen. Wenn etwa plötzlich der Partner stirbt, der zuvor Lebensmittelpunkt war, bleibt ein großes Loch zurück. "Das betrifft besonders häufig Frauen über 80 Jahre, die mit der Heirat ihren Job aufgegeben haben und danach vor allem für ihren Mann gelebt haben." Mit dessen Tod verlieren die Tage auf einmal ihre gewohnte Struktur, ein Gefühl der Leere entsteht. Der Begriff Bore-out stammt von den Autoren Phillipe Rothlin und Peter Werder und bezieht sich auf die Arbeitswelt. Er umfasst Unterforderung, Desinteresse und Langeweile. Hinzu kommen Verhaltensstrategien, mit denen man vortäuscht, beschäftigt zu sein, um die Fassade zu wahren.

Auch die Zeit kurz nach Rentenbeginn ist häufig prekär. "Hier sind - noch - vor allem Männer betroffen, weil die ihr Leben oft sehr stark über ihre Arbeit definieren", sagt Psychologin Julia Scharnhorst. Gerade bei Workaholics, denen die Zeit für Hobbys und Freunde fehlte, bricht mit der Rente einiges zusammen.

Auf Ruhestand vorbereiten

Um das zu vermeiden, hilft Vorbereitung. Wie sollen die Tage als Rentner aussehen? Welchen Aktivitäten will man nachgehen? Gibt es Bekannte, die man sehr gerne mal wieder treffen will? "Keinesfalls sollte die Rente als Nichtstun begriffen werden", mahnt Scharnhorst. Besser sei es, die positiven Seiten der gewonnenen freien Zeit zu entdecken und zu nutzen. Senioren sollten sich nicht davor scheuen, intensiv ihre Hobbys zu betreiben. Denn die Grenzen setzt nur der eigene Wille. "Viele haben diese Erwartungen im Kopf, wie ältere Menschen angeblich sein müssen", weiß Scharnhorst. Dieses Rollenbild sollte aber jeder für sich hinterfragen: "Es geht darum, wie man selbst leben möchte und nicht wie man denkt, dass es die Gesellschaft für richtig hält."

Sinnvolle Aufgabe

Eine neue Sprache lernen, noch einmal studieren, ein Ehrenamt übernehmen: Wichtig sei nur, dass eine Aufgabe sinnvoll und herausfordernd ist, rät die Psychologin. Senioren müssen einen Sinn in ihren Tätigkeiten sehen, findet auch Lehr. Deshalb empfiehlt sie, vorher genau zu überlegen, was einem liegt und wie viel Zeit man in die neue Aufgabe investieren kann.

Viele Organisationen helfen bei der Vermittlung von ehrenamtlichen Tätigkeiten: Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros und Begegnungsstätten sind dafür geeignete Anlaufstellen. Der Senior Experten Service (SES), eine gemeinnützige Gesellschaft aus Bonn, entsendet Fachkräfte im Ruhestand zu Einsätzen im In- und Ausland. "Viele möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben und wollen auch im Ruhestand gebraucht werden", erklärt Sprecherin Heike Nasdala. Der Verband Senior Partner in School (SiS) vermittelt Senioren als Mediatoren in Schulen.

Täglich Zeitung lesen

Oft reicht bereits ein bisschen Struktur, um aus dem mentalen Loch des Bore-outs zu finden. "Täglich Zeitung lesen", nennt Lehr ein einfaches Beispiel. Wer es sich zutraut, könne etwa das Internet entdecken. "Dafür gibt es viele ehrenamtliche Paten, die einem die Nutzung beibringen", sagt Lehr, die auch Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) ist. Das Internet hilft auch, Kontakt mit der Familie zu halten: Der Enkel findet es sicher cool, einmal mit der Ur-Oma zu skypen.

Psychologische Hilfe

Manchmal reichen Beschäftigung und eine neue Tagesstruktur gegen den Bore-out nicht aus. "Weil es zu Depressionen führen kann, ist häufig psychologische Hilfe nötig", erklärt Lehr. Gerade alte Menschen haben laut der Bagso-Vorsitzenden jedoch oft Angst vor dem Gang zum Psychologen. Ihnen stecke noch das Stigma aus der Zeit des Dritten Reichs im Kopf. "Bei den Nazis galten psychisch Kranke als unwertes Leben, weshalb viele ältere Menschen noch heute vor einem Besuch in der Praxis zurückschrecken."

Das Bore-out-Syndrom wird von Ärzten manchmal falsch beurteilt. "Sie nehmen mitunter an, dass die Symptome auf eine Demenz hindeuten", sagt Lehr. Dabei sei etwa ein Fünftel aller Demenz-Fälle eigentlich auf Depressionen zurückzuführen. Und die haben ihren Ursprung nicht selten in einem Bore-out.
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