Wie auf dem Sklavenmarkt

Die Spieler der DDR-Fußballnationalmannschaft beim letzten offiziellen Länderspiel am 12. September 1990: (ab Zweiter von links) Kapitän Matthias Sammer, Torhüter Jens Schmidt, Andreas Wagenhaus und Uwe Rösler. Die Auswahl siegte in Belgien 2:0, danach war der DDR-Fußball Geschichte. Bild: dpa

Kuriose Szenen spielten sich ab, als die DDR-Auswahl vor 25 Jahren von der Bühne des Welt-Fußballs verschwand. Der letzte Nationalmannschafts-Trainer Eduard Geyer hat seine Erinnerungen an das historische Match in Brüssel jetzt in einem Buch veröffentlicht.

Windige Berater und Manager gingen bei den Ost-Clubs ein und aus, die Stars hatten am letzten Fußball-Länderspiel der DDR-Elf vor 25 Jahren kaum Interesse. Der damalige DDR-Auswahltrainer Eduard Geyer erhielt eine fadenscheinige Absage nach der anderen, insgesamt 22 der von ihm angesprochenen Spieler verzichteten auf das Abschieds-Match im Vanden-Stock-Stadion von Brüssel. Geyer macht aus seiner Enttäuschung darüber auch heute keinen Hehl.

"Ich habe wie ein Blöder rumtelefoniert, dass wir überhaupt 16 Spieler zusammenbekommen. Doch einer nach dem anderen gab mir einen Korb. Jeder hatte irgendwelche Ausreden oder Ausflüchte", erinnerte sich Geyer an das Abschiedsspiel, das die DDR am 12. September 1990 überraschend mit 2:0 gegen Belgien für sich entschieden hatte. Festgehalten sind Geyers Erinnerungen in seinem Buch "Einwürfe" (Verlag Neues Leben), das am 16. September erscheint.

"Die Spieler waren jung und unbedarft. Den Vorwurf mache ich daher nicht ihnen, sondern den Funktionären, die ihnen die Chance auf den historischen Länderspiel-Einsatz unmöglich gemacht haben", sagte Geyer. "Ich bin heute noch traurig, dass man damals so reagiert hat", meinte der Sachse und bezeichnet seine Rumpfmannschaft von damals mit nur 14 Spielern heute als "Himmelfahrtskommando". Umso mehr empfindet er Genugtuung, die starken Belgier besiegt zu haben. "Einen schöneren Abschied hätte es nicht geben können. Die Jungs machten sich selber ein großes Geschenk, gingen in die DDR-Fußballhistorie ein", urteilt der 70-Jährige.

Da Stars wie Andreas Thom, Thomas Doll, Ulf Kirsten oder Rainer Ernst absagten, waren außer Matthias Sammer durchweg Spieler der zweiten Reihe aufgeboten, um das Kapitel der DDR-Länderspiele mit der 293. Partie zu schließen. Aber auch sie wurden vor und nach dem Match im Brüsseler Stadtteil Anderlecht von den Spielerberatern umlagert. "Ich weiß noch genau, wie nach dem Spiel diverse Spielerberater um uns herumturnten. Es war beschämend, wie sich einige von denen aufführten", sagte Geyer.

"Rücksichtslos sind sie an die Spieler rangegangen. Ich dachte ich wäre auf dem Sklavenmarkt. Ich fand es erschreckend, wie da gefeilscht und gehandelt wurde. Das war völlig neu für uns", fand Geyer drastische Worte für die damalige Situation. "Unter den Spielerberatern waren viele Spitzbuben, die den Spielern auch schon vor dem Spiel den Kopf verdrehten." Die Erinnerungen an der 12. September 1990 ihm sind bei ihm noch hellwach. "So was vergisst man nie, das ist wie auf einer Festplatte gespeichert", begründete er.

Ursprünglich sollte es bei dem Spiel der Gruppe 5 um die Europameisterschafts-Qualifikation gehen, die erstmals seit der WM 1974 die Bundesrepublik und die DDR zu direkten Duellen zusammenführte. Doch da sich die deutsche Wiedervereinigung zum 3. Oktober 1990 schneller als erwartet vollzog, meldete der Fußballverband der DDR (DFV) sein Team aus der EM-Quali ab, so dass das letzte Treffen in Brüssel lediglich Freundschafts-Charakter trug.

"Wir wollten uns nicht blamieren", erinnerte sich der heutige Sportvorstand des FC Bayern Matthias Sammer später an die Partie, die er mit seinen Toren in der 74. und 89. Minute fast im Alleingang entschied. Es waren die Treffer 500 und 501 der DDR-Auswahlgeschichte. Nach der Partie wechselte Sammer in die Bundesliga zum VfB Stuttgart. Tränen flossen aber nach dem "historischen Sieg" in der Brüsseler Kabine nicht. "Ich hätte heulen können, als wir die WM nicht geschafft haben, aber nicht nach dem Belgien-Spiel. Ich hatte mich mit der Realität abgefunden", meinte Geyer.
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