Wie im Wohnzimmer

"Bier! Wir haben Bier gefunden!", unsere Seekajaktruppe jubelt. Was Mit-Kanutin Jaqueline da überrascht aus dem Wasser angelt und in ihren Einer hievt, sind keine Lachse, sondern Getränkedosen - intakt und mit kostbarem "Öl" gefüllt, wie die Norweger ihr Bier nennen.

Tags zuvor mussten wir im Supermarkt für die Dose noch über vier Euro bezahlen. Hier bekommen wir's "frei Fjord" geliefert. Ein gutes Omen. Wir befinden uns im berühmten Geiranger-Fjord, einem Vorzeige-Fjord, der in keinem Norwegen-Reiseführer fehlen darf. Nur wenige Menschen wohnen hier - und doch schippern riesige Kreuzfahrtschiffe täglich Tausende Menschen durch dieses Nadelöhr der Wildnis. Einer unter ihnen ließ wohl in einem unachtsamen Moment diese Bierdosen über Bord gehen. Sie sind ein Kontrapunkt zur Naturkulisse dieser Landschaft, in der die Monumentalität regiert. Hunderte Meter ist der Fjord breit und doch zwängen ihn gewaltige Felswände in ein Korsett, Felswände, die sich unendlich zum Himmel strecken und unsere gelborangen Kajaks zu Steinläusen degradieren.

Kaum minder winzig nehmen wir uns gegenüber diesen Kreuzfahrtschiffen aus, die das kleine Örtchen Geiranger im Talschluss des Fjords ansteuern. "Aida", lesen wir, "Hurtigruten". Dort, am Campingplatz von Geiranger, beginnt unser Kajakabenteuer. "Für Anfänger geeignet" stand im Prospekt des Oldenburger Spezialveranstalters für Seekajakreisen "Club Aktiv". Tatsächlich bringt bis auf Christoph jeder in der Gruppe Paddelerfahrung mit - gesammelt auf Flüssen. Das Seekajak ist den meisten dagegen unvertraut. Dazu der breite, bis zu fast 700 Meter tiefe Fjord, das türkisfarbene Wasser, dem Salz den Geschmack des Meeres verleiht. Hier ist alles ganz anders als auf Elbe, Neckar oder Naab.

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"Das ist alles machbar", beruhigt unser Guide Rickleff, der in unseren Gesichtern liest. Der 53-Jährige ist ein friesischer Seebär, nein, das würde seiner Statur nicht gerecht, Rickleff ist ein Seehecht, das Paddel ist seine Flosse, das Kajak sein Unterleib. Und hier im Fjord kennt er sich aus wie im heimischen Wohnzimmer. Unser Gepäck kommt in die Boote: Zelte, Schlafsäcke, Proviant, Kochgeschirr, Klamotten. Wir nutzen den Stauraum der Kajaks und räumen den Rest in wasserfeste Packsäcke, die wir auf Deck befestigen. Ein Wunder! Alles passt rein.

Erwartungsvoll besteigen wir unsere vier Zweier- und das Einer-Kajak. Jeder bekommt eine Schwimmweste und ein Doppel-Paddel. Dann legen wir los. Platsch. Anfangs fällt es dem ein oder anderen noch schwer, den Paddelschlag mit Vorder- oder Hintermann zu koordinieren, beide sollen synchron ins Wasser schlagen. Und auch die Steueranlage, ein Heckruder, das der Hintermann über Pedale bewegt und mit dem er das Boot lenkt, ist noch gewöhnungsbedürftig. Doch schnell finden wir uns zurecht. Der Kopf wird frei. Wir sind da, in Norwegen. Unglaublich.

Schon nach kurzer Zeit gelangen wir zu den "Sieben Schwestern", eine Formation von Wasserfällen und beliebtes Fotomotiv. Hoch auf den Hängen sehen wir Gebäude, alte Bauernhöfe. Einen davon wollen wir besuchen. Wir ziehen die Kajaks ans Ufer und arbeiten uns an einem engen, steilen Pfad zwei-, vielleicht sogar dreihundert Höhenmeter hinauf. Der Skageflå-Hof ist schon seit fast hundert Jahren nicht mehr bewohnt. Massive Holzbohlen dienten als Baustoff, verwittert legen sie Zeugnis ab, erzählen vom harten Los der Menschen, die einst hier lebten und ihre spielenden Kinder an Seilen festbinden mussten, damit sie nicht in die Tiefe fielen. Was trieb die Menschen nur hierher?

An den monotonen Gleichklang der Paddelschläge haben wir uns gewöhnt. Wie von Zauberhand geführt, läuft das Boot von selbst. 20 Kilometer mögen es gewesen sein als wir schließlich an einer kleinen Landzunge anlegen, die uns als Lagerplatz für die noch kurze nordische Nacht dienen wird. Zelte und Gruppen-Tipi aufbauen. Es regnet leicht. Ein Wasserfall rauscht. Patrick und Gernot scheuchen einen Wespenschwarm auf. Rickleff wirft den Kocher an. Es gibt Couscous.

"Das ist ein Ententeich", meint Rickleff am Morgen. Er meint den Fjord. Sein Wasser ist ruhig. Dann relativiert er seine Aussage: "Da hinter dieser Landzunge werden Wellen auf uns warten." Und tatsächlich, als wir auf die Bucht unseres nächsten Tagesziels, Stranda, zuhalten, bläst uns unversehens kräftiger Wind entgegen, Wellen bäumen sich auf und spielen mit uns. Nun heißt es paddeln, was das Zeug hält. Gerade mal zwei Kilometer legen wir pro Stunde zurück, wie wir später nachrechnen.

Zum Vergleich: Bei Sprints "in ruhiger See" sind auch Spitzenschnitte von zehn Stundenkilometern durchaus drin. Wir fahren parallel, Seite an Seite. Das kostet Kraft, macht aber unheimlich Spaß. Wir sind die Könige des Fjords! Schließlich erreichen wir den gut ausgestatteten Campingplatz. Wir sind müde und stolz. Die Abendsonne scheint. Eine warme Dusche rauscht. Unsere Hamburger, Kristina und Ulrich, werfen den Wäschetrockner an, Kristina aus Dresden sendet eine SMS nach Hause, Gernot holt im Ort Bier. Patrick kocht. Es gibt Nudeln. Zubereitet in der modernen Einbauküche des Platzes.

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Seelachs und Muscheln

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So vergehen die Tage im Fjord. Auf dem Wasser, auf wechselnden Schlafplätzen. Wir sehen Adler, Schweinswale blasen neben unseren Booten. Zu essen gibt's Pasta, frische Preiselbeeren, auch mal selbst geangelten Seelachs und Muscheln aus dem Fjord. Oder Stockbrot am Lagerfeuer. Die Tagesabläufe werden zur angenehmen Routine, die Gruppe zur Ersatzfamilie.

Doch die Zeit auf dem Wasser vergeht wie im Flug. Wir nähern uns Ålesund. Die rund 45 000 Einwohner zählende Jugendstilstadt ist unser Zielort. Nach ihr öffnet sich der Fjord und mündet in den Nordatlantik. Wehmütig paddeln wir mit unseren Kajaks in den Jachthafen ein. Über hundert Kilometer haben wir in gut einer Woche zurückgelegt. Wir sind Helden.
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