Wird Privatgrund zur öffentlichen Straße?

Waldeck ist kein gewachsener Ort. Nachdem ein Feuer die Siedlung 1794 völlig zerstörte, entstand er in wenigen Jahren entlang der Handelsstraße von Nürnberg nach Eger neu, aus Kosten- und Zeitgründen als eine Art Reihenhaussiedlung. Hinter der langen Häuserreihe schloss sich ein kleiner Hof und daran die landwirtschaftlichen Gebäude für die Ackerbürger an. Entlang der Häuser bilden die Hofflächen einen Parallelweg zur Straße durch den Ort.

Beinahe 200 Jahre gab es keine Zweifel an der Nutzung dieses Wegs. Alle Anwohner fuhren über die Privatflächen zu ihren Scheunen und Stallungen, ließen aber auch die Nachbarn ihren Teil nutzen.

1996 gab es erstmals Streit, ein Hauskäufer verbot seinem Nachbarn die Nutzung seines Wegs, das Amtsgericht gab ihm Recht, er durfte das Wegerecht verweigern. Als beide Streitparteien den Ort wieder verlassen hatten, ließen die anderen Anwohner das Wegerecht im Flurbereinigungsverfahren im Grundbuch eintragen. Nun ist genau geregelt, wer über welches Grundstück gehen und fahren darf. Ziel dieses Systems von Grunddienstbarkeiten ist es, jedem Hauserbesitzer die Fahrt zu seinem Grundstück mit Haus und Scheune zu ermöglichen. Die Grundstücke, die nicht auf dem Weg von der Ortsstraße zu seinem Boden liegen, darf er nach strenger Auslegung dieser Verfügung des Amtes für Ländliche Entwicklung aus dem Jahr 1997 nicht betreten.

Einige Anwohner fürchten nun, dass die Hausbesitzer das Wegerecht künftig auch auf Dritte übertragen können, etwa auf Hotelgäste oder auf Kunden. Der Richter am Verwaltungsgericht deutete bei der Verhandlung an, dass er diese Auffassung teilt. Die Anwohner beklagen nun, dass ihre Privatgrundstücke so zur öffentlichen Straße gemacht werden. Sie sprechen von der Enteignung ihres Privatbesitzes. (wüw)
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