Wo Kolumbus ankerte

Die etwas kühlere Luftströmung des "Christmas Breeze" sorgt auch unter den majestätischen Palmen nahe des Reggae-Beach für eine angenehme Erfrischung: "Bei uns in Jamaika beginnt Weihnachten mit einem besonderen Frühstück", verrät Lilith vom Restaurant-Service im Traditionshotel Sandals-Royal-Plantation.

Wir Jamaikaner starten in die Festtage mit gesalzenem Fisch, garniert von landestypischen Ackee-Früchten nebst fritierten und gekochten Bananen. Natürlich gibt's auch Brotbaumfrüchte, die man bei uns wie Kartoffeln zubereitet; als Getränk halten wir uns strikt an Tee", erklärt der Service-Mann.

Auf der vom britischen Kolonialismus geprägten Antilleninsel spürt man noch auf Schritt und Tritt das Erbe der Engländer, die Jamaika 1962 in die Unabhängigkeit entließen. An Weihnachten sind typische Christmas-Carols zu hören und auch die Weihnachtsgeschichten von Charles Dickens werden als britisches Kulturerbe gepflegt. Lilith legt mir ans Herz, keineswegs den traditionellen Nachmittagstee im Hotel zu verpassen. Da gebe es den typischen Christmas-Plum-Pudding, dessen Backpflaumen bereits Anfang Dezember in den weltweit geschätzten Appleton-Rum der Insel eingelegt werden: "Die Tea Time erlebte bei uns bereits der große Staatsmann Winston Churchill, er verbrachte hier gern seine Ferien."

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Mein charmanter Guide Jerron Britton empfiehlt auch die exzellenten braunen Bohnen der Antilleninsel: "Der bei uns angebaute Spitzenkaffee geht zum Großteil in den Export." Jerron arbeitet nebenberuflich als Zauberer und lässt Tauben scheinbar aus dem Nichts heraus auf die Bühne flattern. Als wir unterwegs auf Sightseeing-Tour an der Küstenstraße halten, wo einst Kolumbus 1492 vor Jamaika ankerte, beglückt uns ein Rastafari-Musiker mit Reggae. Passend zu Weihnachten zaubert der Jamaikaner zu Bob Marleys "I shot the sheriff" eine Friedenstaube auf meinen Arm ...

"Weihnachten wird bei uns mit einem Familienfestessen gefeiert und zwar stets mit bestem Schinken am 25. Dezember. Freunde und Nachbarn sind da auch willkommen", sagt Jerron. Morgens öffneten die Kirchen in aller Frühe, auch wenn am 24. Dezember der traditionelle Grand-Market zum Feiern bis in spät in die Nacht eingeladen hatte. Jamaika hat weltweit die meisten Kirchen pro Quadratkilometer, die Menschen hier sind mehrheitlich anglikanisch, katholisch und baptistisch.

Als wir auf kleinen Straßen an der Küste entlang kurven, überraschen an der Böschung viele Ziegen: "Die liefern ihr Teil zum ,Curried goat', einem unser er beliebten Festtagsgerichte", erzählt Jerron. Die Kunst des Würzens ist auf Jamaika fast eine Wissenschaft und wird vor Weihnachten in TV- Sendungen wie ein ritueller Kult gepflegt. Beim Christmas-Dinner ist der "Sorrel Wine" eine heilige Tradition, das Rezept mit Roselle-Blüten (Hibiscus sabdariffa) stammt aus Westafrika; und natürlich gibt's Rumkuchen zum Dessert.

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Melting-Pot der Kulturen

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An der ruhigen Südküste besuchen wir die Auswanderer Axel und Andrea Wichterich aus Köln, die ein kleines Hotel mit Selbstversorger- Appartements und Top-Restaurant am Treasure-Beach gebaut haben: ökologisch korrekt gestaltet vom Architekten Axel Wichterich, der zudem als Spitzenkoch mehrere Preise in Jamaika bekam. Seine Frau Andrea hat neben christlich-weihnachtlicher Dekoration auch einen Buddha auf ihre Terrasse gestellt: "Jamaika ist ein Melting-Pot der Kulturen: Britische und spanische Kolonialherren vermischten sich mit Taino-Ureinwohnern und Westafrikanern; später kamen viele Inder auf die Insel".

Die Jamaikaner sind ein fröhliches Völkchen. "Hier wird überall getanzt, sogar in Kirchen", weiß Axel Wichterich. So habe der Nationaltanz Ska seine Wurzeln im Jonkonnu. Der Name geht auf kostümierte Musiktruppen der einstigen schwarzen Sklaven der Zuckerrohrplantagen zurück. An Weihnachten zogen diese bunt geschmückt und tanzend wie beim Karneval durch die Straßen Jamaikas.
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