Würdelos, wehrlos, rechtlos: Todesmärsche zum KZ Flossenbürg - Blutspuren am Ende des Dritten ...
"Gottswillen - wos bringas denn da!"

Auf Druck der Amerikaner mussten die in Neunburg vorm Wald getöteten KZ-Häftlinge unter den Augen der Bevölkerung würdevoll bestattet werden. Bild: US National Archives/Sammlung Peter Bartmann
 
Heimlich fotografiert: Die ersten Kilometer eines Todesmarsches - noch in Marschformation. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden zuletzt KZ-Häftlinge aus Dachau durch die Gegend getrieben. Wer zu erschöpft war, um mitzuhalten, wurde getötet. Insgesamt dürften es mindestens 7000 Häftlinge gewesen sein, die die Todesmärsche aus Flossenbürg und dessen Nebenlagern Richtung Süden nicht überlebten. Repro: Dobler
 
Bis zu 100 Personen wurden bei den Transporten per Bahn in einem Güterwaggon auf knapp 22 Quadratmetern wie Vieh zusammengepfercht. Die Lichtfenster waren mit Stacheldraht verrammelt. Archivbild: NT⁄AZ

Historiker nennen es "das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes". Im April 1945 beginnen die Todesmärsche aus dem KZ Buchenwald nach Flossenbürg.

Gottswillen - wos bringas denn da!" Das dachte sich 1945 die 32-jährige Augenzeugin Elise Schübel, Hausfrau in Groschlattengrün (Kreis Tirschenreuth). Und so ging es vielen, die an den Routen aus dem Konzentrationslager Buchenwald (bei Weimar) die Opfer sahen. Häftlinge, unterwegs rund 250 Kilometer zu Fuß zum Ziellager, dem Konzentrationslager Flossenbürg - unter unmenschlichen, ja mörderischen Bedingungen. Ab 7. April 1945 - mindestens 10 Tage und Nächte lang. Würdelos, wehrlos, rechtlos, dem Tode näher als dem Leben. Preisgegeben der Willkür einzelner Posten aus dem SS-Blutorden. Die unterwegs zu Schindern und Mördern werden können ...

Otto Saller, damals 12 Jahre alt, erinnert sich so an den Durchzug der KZ-Buchenwald-Opfer am 16. April 1945 in Fuchsmühl: "Als ich die Kolonne bei der Kirche sah, war sie ganz eng: Da konnte keiner umfallen, so eng bewegten sich die Häftlinge. Diese Gruppe - stumm - schwankte irgendwie hin und her beim Sich-Vorwärts-Schleppen; links und rechts ging SS mit Hunden. Niemand schrie; man hörte nur das gespenstische Schlürfen der Schritte. Holzpantinen, wenn überhaupt ... Im letzten Drittel trugen einige Häftlinge Schaufel und Pickel. Dann war ein Abstand von 20, 30 Meter, da wurde ein kleiner Handwagen nachgezogen ... Zwei KZ-Männer zogen an der Deichsel. Auf dem Wagen lag ein Halbtoter, dessen Oberkörper hing nach hinten über den Wagen hinaus. Sein kahler Kopf schlug auf der Straße auf. Ein SSler war bei den zwei Ziehenden. Er trieb sie brüllend mit dem Gewehrkolben an, sie sollten aufschließen; er war der einzige, der schrie. Die beiden Häftlinge schwankten mit dem Wagen hin und her, nicht betrunken, sondern selber am Ende ... Und in diesem Takt schwankte der absolut kahle Kopf des Halbtoten. Es war ein furchtbarer Schock für mich als Buben." Es war einer von zwei großen Durchzügen.

Im Auftrag Himmlers

Die US-Army ist schon in Thüringen, nahe Weimar. Es war der SS-Todesfürst Heinrich Himmler selbst, der die "Evakuierung" des Konzentrationslagers Buchenwald und dessen zahlreichen Nebenlager am 6. April 1945 anordnete. Die "gesunden" Häftlinge sollten nicht in die Hände der sich nähernden US-Army fallen. Vor allem nicht "die Juden". Am 7. April 1945, gegen 7 Uhr früh verlassen zuerst zwei Fußtransporte das Lager in zwei Kolonnen mit 1500 beziehungsweise 1604 überwiegend jüdischen Häftlingen. Ihnen steht ein etwa 250 Kilometer langer "Treck" zum Konzentrationslager Flossenbürg bevor. Je ein SS-Transportführer (namentlich bekannt) mit 79 SS-Wachleuten; also 1 Herr über Leben und Tod für 20 Opfer. Dazu eine unbekannte Zahl an Unterstützung leistenden, zumeist ausländischen "Hilfswilligen", bewaffnet mit Prügeln, wegen ihrer Kleidung sogenannte "Schwarze SS".

"Todesmärsche" sagen wir, obwohl kein Opfer marschierte, schließlich nur dahinwankte Schritt für Schritt, weil es überleben wollte. Tschechen sprechen von "Hungermärschen". "10 Mann bekamen [anfänglich] einen Wecken Brot und ein Paket Margarine" jeweils am 1., 2. und 3. Tag - und die folgenden 7, 8 Tage? Nur etwas, wenn in Bauernhöfen Halt zur Nächtigung, dann drei, vier gedämpfte Kartoffeln. Franzosen nennen es treffender "route du sang", Blutweg. Nicht nur Blut spritzte bei den üblichen Genickschüssen für wieder eingefangene Geflohene, für zu Tode Ermattete ...


Im Jargon eines SS-Täters, der sich als "Herrenmensch" fühlte: "Alles, was zurückbleibt, wird umgelegt." Bewusste Tötungen als Selektion. Todestransporte - ohne Verpflegung und Hygiene, ohne Gesundheitsfürsorge, Rücksichtnahmen auf den körperlichen Zustand des Einzelnen gab es schon gar nicht. Der Historiker Prof. Dr. Daniel Blatman bezeichnet die Todesmärsche als "letztes Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes". Zum Konzentrationslager Flossenbürg gingen nur genannte zwei "Trecks" als Fußtransporte ab - durch Thüringen, Oberfranken, den Landkreis Tirschenreuth. Und wenigstens zwei Bahntransporte, am 9. und 10. April: Nach einem Riesenumweg durchs Erzgebirge werden sie in Tachau/Sudetengau um den 14. April enden. Knapp 400 Häftlinge werden den folgenden 35-km-Blutweg über Waldheim nach Flossenbürg nicht überleben.

Um 250 Kilometer sind es von Buchenwald bis Flossenbürg, 125 Kilometer ab der bayerischen Grenze. Verbürgt sind mindestens 573 Leichenfunde zwischen Hof und Flossenbürg, 232 im Landkreis Hof, 161 im Kreis Wunsiedel, 151 im Kreis Tirschenreuth, 29 im nördlichen Landkreis Neustadt/WN.


"Jedes Mal traten Großvater Tränen in die Augen, wenn er es erzählte", berichtete Richard Nickl aus Vorderbrünst im Landkreis Neustadt/WN. Sein Großvater Lorenz Götz (1906-1996) war 1945 Volkssturmmann. Mit anderen hatte er KZ-Transporte Mitte April zu begleiten vom heutigen Grenzort Waldheim bis zum Postenwechsel in Georgenberg. Eskortiert von SS eine größere Kolonne, wortlos schlurfend. Sechs KZ-Häftlinge vom Durst geplagt, angesichtig des heutigen Grenzbächleins Zott, stürzen sich aus der Reihe einen Steinwurf hinab zum Bachufer, beginnen zu trinken. Richard Nickl: "Ein junger SS-Lauser mit Rangzeichen sah das, lief nach, zog die Pistole und Kopfschuss von hinten - der Reihe nach. Kopfüber lagen die Ermordeten im Bach. Er färbte sich rot. Dann springt der Mörder wieder zu seinem Trupp, der vor Entsetzen stockt, und brüllt: ,Weiter! Weiter!' - Ein lebenslanges Trauma für meinen Großvater." Nickl weiter: "Im hohen Alter musste er mir die Stelle am Bachufer zeigen. Leise weinte er, als wir dort waren."

Wenige der Täter wurden gefasst und zur Rechenschaft gezogen. Der 29-jährige Erzgebirgler Richard Köhler gehörte auf "nur" 20 Kilometern zum Buchenwald-Kommando. Von Schönwald (b. Tachau) über Waldheim, Georgenberg, Waldkirch bis Flossenbürg sind es an die 20 Kilometer. 1946 gesteht er im Kriegsverbrecherprozess: "Ich habe ... vorerst vier Häftlinge erschossen, die schwere Schusswunden hatten." Auf Nachfragen gibt er auch zu, acht bis zwölf Häftlinge erschossen zu haben, die nicht mehr imstande waren weiterzumarschieren. Das Urteil für Köhler: Tod durch Erhängen.

Jeder Dritte stirbt

Nicht alle Trupps wurden in Flossenbürg aufgenommen, weil das Lager restlos überfüllt war. Ab dem 16. April 1945 wird das Konzentrationslager Flossenbürg geräumt. Es wird heute angenommen, dass 15 000 bis 20 000 Häftlinge die Todesmärsche Richtung Süden antreten mussten. Entlang der Marschrouten fanden US-Soldaten allein in Bayern mindestens 5000 Tote.

Die Internationale Suchstelle Bad Arolsen geht davon aus, dass von 714 000 registrierten KZ-Häftlingen ein Drittel bei den Todesmärschen getötet worden sein könnte.
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