Wunden, die nie ganz heilen

Der Pfreimder Stadtpfarrer, Pater Georg, und Pastoralassistent Christian Irlbacher gestalteten das Requiem, in dem zehn Jahre nach dem Amoklauf der Opfer des Amoklaufes gedacht wurde. Bild: Götz

Ein stiller Gedenkgottesdienst sollte am Montag die Anteilnahme mit denjenigen ausdrücken, "die tiefe Wunden erlitten haben". Zehn Jahre sind seit der schrecklichen Bluttat vergangen - seit dem Abend, als Hans Meier im Dorfwirtshaus Amok lief, einen Mann erschoss und acht weitere zum Teil schwer verletzte.

Wernberg-Köblitz. (cv) 30. Oktober 2005: Die Dorfgemeinschaft kommt zu einem Pfarrfamilienabend im Saal des Gasthauses Schlosser zusammen. Auch am Stammtisch im Wirtshaus sitzen Gäste. Dann wird um 21.45 Uhr die dörfliche Idylle jäh zerstört.

Wahllos geschossen

Im Hof des Gasthauses schießt der damals 49-jährige Hans Meier zunächst durch ein Fenster in die Küche und verletzt dabei drei Personen. Dann geht er in das Wirtshaus. Im Hausgang begegnet er dem 67-jährigen Andreas Winklmann und seiner Ehefrau, die sich gerade auf dem Heimweg machen wollen. Meier trifft den 67-Jährigen tödlich, verletzt seine Frau schwer. In der Gaststube schießt der Amokschütze wahllos um sich. Sieben Menschen, darunter die Wirtin und ihre Eltern, werden von den Kugeln aus Meiers 9-mm-Pistole getroffen und zum Teil schwer verletzt.

Als kurz darauf die Polizei und Rettungsdienste eintreffen, gibt es von Hans Meier keine Spur mehr. Der passionierte Jäger ergibt sich jedoch tags darauf. Die Waffe bleibt verschwunden. Meier schweigt anfangs über sein Motiv, über die Waffe. Der Täter war arbeitslos, lebte mit seinem Vater in einem Haus in Damelsdorf, wo er Wohnrecht hatte. Nach dem Tod des Vaters hätte er ausziehen müssen.

2007 beginnt in Amberg der Prozess. Das Urteil wird am 17. April 2007 gesprochen: Lebenslänglich mit Sicherheitsverwahrung. Schuldig wegen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes muss Meier für mindestens 20 Jahre hinter Gitter. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Ein Außenseiter

In der Urteilsbegründung kam die verkorkste Kindheit und Jugend des arbeitslosen Angeklagten zur Sprache, sein Leben als Außenseiter. Richter Klaus Demmel sprach damals von einer Persönlichkeitsstörung mit "schizoiden Zügen". Die Richter erklärten, Meier habe sich mit einen "Denkzettel" dafür rächen wollen, dass er jahrelang in dem Dorf Ablehnung ertragen musste. Gegen das Urteil legte Hans Meiers Anwalt Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe ein, ohne Erfolg. Die Tatwaffe blieb verschwunden - bis Oktober 2008, als der Mörder sein Schweigen brach. Polizeibeamte fanden sie in einer am einem Baum hängenden Tasche.

Es ist viel Zeit vergangen. Können die Saltendorfer vergessen, verzeihen? Etwa 100 Bürger waren am Montag zu dem vom Pfreimder Stadtpfarrer Pater Georg und Pastoralassistent Christian Irlbacher zelebrierten Gedenkgottesdienst in die Dorfkirche St. Peter und Paul gekommen. Irlbacher ist ein sensibler Mann. Man möchte mit diesem Gottesdienst keine tiefen Wunden aufreißen, betonte er. Es solle eine ruhige Stunde sein, um sich auf die Werte zu besinnen, auf die es im Leben ankomme, auf Zusammenhalt und gegenseitige Achtsamkeit.

Nach ihren Empfindungen befragt, wollten sich die Gottesdienstteilnehmer nach dem Requiem wenig äußern. Doch das Geschehene, die Tat Hans Meiers, "kommt immer wieder hoch, wenn man Menschen begegnet, die wegen ihm so leiden mussten. Das trägt man immer mit sich rum", heißt es vor der Kirchentür. (Seite 3)
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.